Childhood made of plastic, it’s fantastic

30 Jul

Gierig nahm ich als Kind alles in mich auf, was von Erwachsenen so erbost als Gift gelabelt wurde. Morgens schon mal Elmex statt Aronal, direkt im Anschluss Gummisüßigkeiten in schrillen Farben, nach der Schule in der Mikrowelle aufgewärmtes Essen, das ich mich hineinstopfte, während ich mit großen Augen auf den Bildschirm unseres Fernsehers starrte. Nachmittags RTL2, abends SuperRTL.

Statt schlauer Sachbücher las ich Comics über andere Mädchen mit Superkräften, ich wäre gern eine von ihnen, aber ich würde mich eh nicht trauen, so kurze Röcke zu tragen.

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GRRRL POWER VOL. 8 – OUT NOW

26 Jul

Good news, everybody: Nach Zeiten der Stille verkünde ich ein Ende der Trostlosigkeit. Das neue GRRRL POWER Mixtape ist da und wartet nur darauf, gehört zu werden. Mit dabei sind dieses Mal Fever Ray, Tami Tamaki, Sky Ferreira, FKA Twigs, Beach House, Angel Haze, Austra, Beyoncé und viele mehr.

Das macht nicht nur die Hitze erträglicher, sondern macht sich auch bei Gewitter schick im Ohr. Super, oder?

Pink stinkt nicht, ihr Lauchs!

18 Jun

Wenige Phänomene sind so polarisierend wie Pinkstinks. Maximal die Frage, ob Käse Dessert sein darf, kann hier mithalten. Während letzteres eine Sache des Geschmacks ist, ist Pinkstinks für mich eine Frage der Logik. Es ist ja bei vielen Sachen so, dass sie auf dem ersten Blick so richtig geilomeilo und amazing sind, bei sich beim genaueren Nachdenken aber als superproblematisch und uncool erweisen.

Ich weiß immer gar nicht, wo ich anfangen soll, wenn ich erklären soll, dass Pinkstinks eher nicht so geilomeil ist. Vielleicht versuche ich es mal so:

You must be shitting me with that name of yours

Allein der Name ist so problematisch, dass ich mich frage, wie sich als Feminist_innen bezeichnende Menschen unter diesem Titel einen Kampf führen können. Es erschließt sich mir nicht. (Und ich bin nicht diejenige, die Gender Studies studiert hat.) Was impliziert der Name denn?
Der Name wertet Femininität ab und macht queere Kämpfe unsichtbar beziehungsweise stellt sie als irrelevant dar. Die Kampagne existiert in keinem sozialen Vakuum, sondern in einer Soziokultur, in der Pink_Rosa für Femininität, Frauen*, Homosexualität, Optimismus, Spaß, Kindlichkeit und Sexualität an sich steht. Der Slogan “Pink stinks!” diskreditiert all dies. So funktioniert Semiotik. So funktioniert Sprache. Weiterlesen

Female to female – a long way to go

28 Mai

[Contentwarnung: Kackscheisze wie internalisierter Dickenhass und Misogynie werden in diesem Text thematisiert.]

Als ich 10 Jahre alt war, wusste ich, dass ich lieber ein Junge gewesen wäre. Ich wollte lieber ein Junge sein, weil ich kein Mädchen sein wollte. Nicht-binäre Genderidentitäten waren mir damals fremd, sie wurden weder in meinen Lieblingsserien repräsentiert, noch wurden sie in Jugendzeitschriften erwähnt.

Schon immer konnte ich mich mit tomboy-haften Figuren wie Spinelli aus Disney’s Große Pause oder Lor von den Wochenend-Kids identifizieren. Oder einfach gleich mit Jungen. Zumindest hatte ich das Gefühl, dass Eigenschaften wie Schlagfertigkeit, Coolness, Witz und Stärke androzentrisch waren_sind. Mit meinen schlabberigen Hosen – so schlabberig sie an meinem fetten Körper sein konnten -, weiten Shirts und Turnschuhen, mit meinem Pferdeschwanz und der Aversion gegen jedem Anzeichen von Femininität, wollte ich auch so krass wie Jungs sein können. Wie Avril Lavigne früher. (Bis ich meinen Faith in sie verlor.) Ich wollte one of the boys sein.

Internalisierte Misogynie ermunterte mich zum Tussi-Bashing, zu Girl Hate und dazu, von mir zu behaupten, “nicht wie die anderen Mädchen” zu sein. In der 6. Klasse mussten wir uns im Musikunterricht zu Performance-Gruppen zusammenfügen. Nach ein paar Wochen Übung sollten wir einen Beitrag in einer der drei Genres Gesang, Tanz oder Rap vor der gesamten Klasse vorführen. Meine Wahl ließ sich leicht treffen: Meine Stimme klingt wie dieser Ton, der sich als letzter Schrei vor dem Überfahrenwerden einer Katze zuordnen lässt, meine Körperbewegungen glichen einer sich im Kreis drehenden Kartoffel (sowohl wie das Knollengemüse, als auch unkoordiniert tanzende Whities) und über meinem Bett ging ein Poster von Eminem. Endlich konnte die toughe Hiphop-Karriere starten, ich träumt schließlich nachts schon davon.

In unserer 6-Personen-Gruppe war ich das einzige Mädchen. Das war für mich gar nicht beklemmend, sondern bestätigend. Ich war literally one of the boys. Ich wurde auch so behandelt. Für meine Ideen im Songwriting-Prozess bekam ich viel Anerkennung, ich wurde nie in diese stereotypische “dein Platz als Mädchen im Hiphop ist in Unterwäsche und im Hintergrund”-Position gedrängt. Trotzdem war ich alles andere als Selbstbewusst. Unser Auftritt war ein einziger Alptraum für mich, ich nuschelte den auswendig gelernten Text mit gesenktem Blick und unbeholfen wackelnden Händen im Musikraum vor, die Reaktionen wollte ich gar nicht sehen, ich konzentrierte mich lieber auf den blau-grauen Teppichboden, der irgendwie nach Rosinen roch.

Mit 13 änderte sich mein Musikgeschmack, Hiphop und R’n’B hörte ich nur noch heimlich, offiziell war ich im Rock- und Punk-Business angekommen. Ich trug Skater-Hosen, ein hellblaues Nieten-Schweißband aus der Yam (das legte ich aber bald ab, ich hab gemerkt, dass es noch nicht so viel Street Credibility hat, Zeitschriften-Extras zu tragen) und Chucks. Meine Haare waren inzwischen kurz und ich wurde auf der Straße manchmal als Junge gelesen. Allerdings fühlte ich mich extrem unwohl, zumal die Kommentare, die ich zu hören bekam, stark auf meine Figur bezogen waren und auf meine mangelnde Attraktivität. Mir war klar, dass ich in meinem fetten Körper nur Maskulinität performen konnte, weil es die einzige Option war für all jene, die nicht sexualisiert werden wollten.

Das Thema Sexualität war eines für sich. Ich fand es widrig, ich wollte nicht als sexuell begehrtes Objekt gelesen werden, niemals. Wenn meine Mutter und meine Tanten darüber scherzten, dass auch ich mal Mann und Kinder haben würde, war ich nicht nur angeekelt, sondern sehr verletzt. Meine erste Menstruation war für mich vor allem Resignation. So nach dem Motto: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Ich wurde auf Diät gesetzt, verlor an Gewicht und gewann an essgestörtem Verhalten. Meine Depressionen und der Selbsthass wurden stärker, ich wollte aus diesem Körper raus. Für mich gab es zwei Möglichkeiten: Entweder Männlichsein oder Schlanksein. Das Gefühl, als Mädchen nicht fett sein zu dürfen, war so stark. Fette Jungen durften zumindest witzig, schlagfertig und cool sein.

Erst mit dem Zugang zu Indie- und Alternative-Rock sah ich zumindest toughe Frauen in Kleidern, zum Beispiel Meg White von den White Stripes. Nach und nach gestand ich mir ein bisschen Femininität zu, ich benutzte einen schwarzen Kajal-Stift, um durch Augen-Make-Up die Dunkelheit meiner ach so krassen Seele zu repräsentieren. Es half. Ich fühlte mich ein bisschen tougher.

Beim Filmeschauen wurde ich der Trope des Manic Pixie Dream Girls bekanntgemacht. Ich war zwar nicht so schlank wie sie, aber wenigstens durften die witzig sein und sich gut mit Musik auskennen. Schöne Blumenkleider hatten sie an, wollte ich ebenso, hab ich dann auch gemacht. Raus aus den engen Röhrenjeans mit Knopf und Reisverschluss, rein in Strumpfhosen und weiten Kleidern, das tat gut.

Mit 19 outete ich mich bei mir selbst. Ich merkte dann auch, dass meine Blumenkleider auf SchwuLesBi-Partys nicht so ankamen, zu oft wurde ich gefragt, ob ich nur meinen Gay Best Friend beim Weggehen begleite. Ich passte mich einigen Codes an, die Haare wurden kürzer, ich probierte es als Hipster-Butch. Ich will gar nicht sagen, dass es schlecht aussah, es war tatsächlich ziemlich schmuck, aber es war nicht ich. Durchgehende Androgynität – so authentisch es mit meinem Körper möglich war – erfüllte mich nicht komplett. Immerhin lernte ich durch Tumblr viel über die Vielfalt von Gender und das half mir sehr.

Und dann, vor so einem Jahr, kam die Offenbarung: Hard Femmes. Die gibt es. Ich bin eine. Ich kann superfeminin und gleichzeitig super-tough sein! Femininität anzunehmen war für mich ein sehr langer Prozess, es war eine Art Transition. Eine Subversion von Weiblichkeit, die bewusste Wahl ihrer und die Herausforderung sowie der Buch von damit verbundenen Klischees wie Als-Hete-Gelesen-Werden sind meine tägliche Challenge, aber mit dem passenden Lippenstift pack ich das. Ich habe gelernt, dass ich fett, feminin, queer, tough, cool, radikal, stark und schön sein kann, und zwar alles gleichzeitig. Dabei muss ich mich gar nicht als Frau labeln, Genderperformance und -identität ist ein DIY-Produkt und ich bastele gern.

Fünf Buchvorsätze

23 Apr

Heute ist Welttag des Buches und es geht ein Blogstöckchen rum! Fabulous Charlott, ja, richtig, dat grrrl from the Taliban of Netzfeminismus, hat mich getaggt. Die Regeln sehen so aus:

Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.

1. Sara Stridsberg – Darling River (2010)

Journalistin, Autorin und Feministin: In diesen Bereichen acet Sara Stridsberg easy-peasy. In ihrem Roman Traumfabrik las ich nicht nur zum ersten Mal über Valerie Solanas und dem S.C.U.M. Manifest, sondern entdeckte einen wichtigen Teil des schwedischen feministischen Popkultur. Sie hat Solanas Manifest ins Schwedische übersetzt und einen Lolita-inspirierten Roman namens Darling River geschrieben. Dieses hübsche Buch steht seit ein paar Monaten in meinem Regal und wartet darauf, dass ich meine fucking Bachelor-Arbeit hinter mich gebracht habe und mich in ihn stürze.

2. Alison Bechdel – Essential Dykes to Watch Out For (2008)

Wir haben vermutlich alle einen Crush auf sie, and let’s be real: Alison Bechdel = heroine 4 life! Nicht nur die Grrrls vom Rookie-Mag lieben sie, ich bin seit dem Bechdel-Test amazed. Am liebsten würde ich alle ihre Veröffentlichungen lesen, aber irgendwo muss ich wohl anfangen. Und ich wähle die Sammlung ihrer Comic-Strips Essential Dykes to Watch Out For. 

3. Kate Bornstein – Hello Cruel World: 101 Alternatives to Suicide for Teens, Freaks, and Other Outlaws: 101 Alternatives to Teen Suicide (2006)

Die Gender-Theoretikerin, Künstlerin, Trans*-Aktivistin und Fab Femme Kate Bornstein macht nicht nur empowernde Videos auf YouTube, sondern schreibt auch Bücher. Auch hier hätte ich gern die komplette Bibliographie und würde mit ihrem Guide für marginalisierte Jugendliche anfangen. In letzter Zeit denke ich viel über Empowerment für junge Menschen, die mit Unterdrückung zu kämpfen haben, nach und bin mir sicher, dass dieser Band einige schöne Denkanstöße geben kann.

4. Judith Halberstam – The Queer Art of Failure (2011)

Während meiner Recherchen in der Queer Theory stolperte ich häufig über die Theoretikerin Judith Halberstam. Neben ihren Publikationen über normative Geschlechterrollen ist es dieses Buch, das ich mir demnächst auf mein Kindle laden werde. Halberstam nimmt Popkultur und queere Kunst auf der Suche nach Subversion auseinander. Alle meine Lieblingsschlagwörter fallen, was soll ich noch sagen?

5. Tine Plesch – Rebel Girl: Popkultur und Feminismus (2013)

Knapp zehn Jahre nach dem Tod der Journalistin und DJ Tine Plesch werde ich ihre schlauen Sätze über die kapitalistische Popkulturindustrie in mich hineinsaugen und traurig werden, dass ich sie erst so spät entdeckt habe. Ihre Essays wurden nachträglich in diesem Band gesammelt, eine Bikini-Kill-Referenz schwingt im Titel mit und der Ventil-Verlag verspricht meistens tolle Veröffentlichungen. Ich schaue sehnsüchtig in mein Regal und freue mich auf die Zeit, in der ich im Präteritum über meine Bachelor-Arbeit spreche.

Jetzt muss ich noch schnell 8 Leute taggen. Und ich hätte gerne, dass ElaBäumchen, Mara, Chrisi, Paula, Franzi, Anika und RiotMango von ihren Buchvorsätzen erzählen.

Einfach nicht trinken, einfach nicht knutschen

15 Apr

Bis ich 20 war, lebte ich straight edge. Für mich bedeutete es der Verzicht auf Alkohol, Nikotin und andere Drogen sowie romantische_sexuelle Exklusivität und Vegatarismus_zeitweise Veganismus. Wichtig für mich war es jedoch zu betonen, dass all dies nicht aufgrund meines früheren muslimischen Backgrounds_meiner muslimischen Familie sondern aus eigener Entscheidung stattgefunden hat, weil ich es satt hatte, als bevormundetes Middle Eastern Girl zu gelten.

Die Gründe für meine Enthaltsamkeit waren für mich sehr logisch. Einerseits empfand ich den exzessiven Konsum von Drogen, Fleisch und Sex als destruktiv, andererseits auch als ein Produkt der kapitalistisch-patriachalen Gesellschaft. Missstände wurden durch als entspannend empfundene Praktiken wie dem Rauchen schwächer wahrgenommen und waren eher ertragen. Für mich waren diese Dinge mit Rape Culture, einer Leistungsgesellschaft und einem Marionettenstaat verknüpft, da die Wut selbst in aktivistischen Zusammenhängen eher zum Partymotto als zu tatsächlicher Veränderung wurde.
Zusätzlich hatte ich ein schwieriges Verhältnis zu meinem Körper, in dem der Gedanke an Kontrollverlust mich eher verängstigte als mich zu reizen. Betrunkene, aggressive Macker auf Partys, von Bier mobilisierte Fußball-Fans (nicht nur während der WM_EM) und Angehörige_Bekannte mit Alkohol_Drogenproblemen machten es mir nicht appetitlicher.

Weshalb ich nicht auf all das verzichtete, war das Hineinpassen in die patriarchale Vorstellung eines reinen_unschuldigen Mädchens. Meine Verweigerung der Betrunkenheit war keine Ausführen des “Lass dich nicht v*rg*w*lt*g*n!”-Appells, denn mein Interesse an Sexualität war ohnehin nicht stark_vorhanden. Ob nüchtern oder betrunken, ich würde mich von angrabenden Typen sehr unwohl fühlen.

Obwohl ich diese – auch im Nachhinein für mich sehr schlüssigen – Gründe mehrfach auf die Frage zu meiner Entscheidung erwiderte, stellte ich zu oft fest, dass bis auf den Vegetarismus_Veganismus meine Motivation auf eine religiöse Ebene gesetzt wurde, die für mich überhaupt nicht relevant war. Es mag zwar sein, dass ich Zuhause nicht die Möglichkeiten hatte, betrunken oder mit One-Night-Stands im Schlepptau heimzukommen, aber es grenzte meine Entscheidungen nicht ein. Ich verspürte damals schlicht keinen Drang danach.

Während meines Studiums gab ich nach und fing an, Einiges nachzuholen, weil mir das Gefühl gegeben wurde, Dinge verpasst zu haben und deshalb auf einer emotionalen Ebene nachzuhinken, was natürlich Unsinn war. Ich leistete gegen die Alkohol- und Sexualisierungsnorm keinen Widerstand mehr, weder auf Partys, noch sonst so. Ich tue mir allerdings schwer dabei, es insgesamt als befreiend zu bezeichnen, da sich mit den Jahren Vieles für mich geändert hat, so wie es beim Älterwerden eben ist. Self-Love und Body-Positivity, das Ablegen vieler internalisierten Mechanismen wie der Illusion einer disziplinierten_selbstkontrollierten Frau* und Monogamie als Praktik der Reinheit (Reinheit auch hinsichtlich negativer Energien, die von Typen ausgestrahlt wird) sowie die neuen Wohnsituationen (nicht mehr bei den Eltern, eigenes Zimmer, nicht mehr in der Kleinstadt, bessere Anbindungen öffentlicher Verkehrsmittel) baten neue Voraussetzungen an.

Ich fühlte mich befreiter, aber das ist nicht der Polyamory oder dem Alkohol_Drogenkonsum geschuldet, dazu gehört viel mehr Arbeit und Auseinandersetzung mich sich selbst. Ich beobachte nun aber auch Dinge, die ich damals schon für kritikwürdig hielt, aus einer neuen Perspektive.

Jedes gesellschaftliche Zusammenkommen wird als Anlass für Alkoholkonsum gesehen, egal ob alle Anwesenden tatsächlich Lust auf Bier haben oder nicht. Biertrinken als soziale Praxis und als Norm fürs gelungene Abhängen findet nicht nur samstags auf Partys oder in der Kneipe, sondern auch unter der Woche beim Plenum, im Park oder Zuhause statt. Ich will hier niemenschen absprechen, dass es Spaß macht, Alkohol zu konsumieren und dass das Betrunkensein kein schönes Gefühl sei – ich habe es auch oft als super empfunden. Dennoch ist oft eine gewisse Erwartungshaltung da.
Es fällt mir bloß auf, dass seit einigen Wochen in meinem Umkreis vermehrt darauf hingewiesen wird, reflektierter mit Alkohol umzugehen. Drogenfreie Räume als Safer Spaces werden geschaffen, für mich ist es überhaupt revolutionär, dass die Benennung einer Alkoholnorm stattfindet.

Die Sensibiliserung setzt sich auch hinsichtlich der sexualisierten Stimmung auf Partys fort. Zu einer guten Party scheint es dazugehören, zumindest ein bisschen zu Knutschen oder zu Flirten. Auch das kann viel Spaß machen, wenn es mit Konsens stattfindet. Trotzdem werden Normen wie die romantische_sexuelle Zweisamkeit und die sexuelle Offenheit auf Festen reproduziert. Es ist schon okay, nicht zu knutschen, aber es ist schon ein bisschen komisch, wenn du nur tanzen oder in der Ecke sitzen möchtest. Dieser gewisse Punkt, an dem 98% der Feiernden in Knutschszenarien verwickelt sind, wird auf vielen Partys erreicht, ich erlebte ihn sowohl aus der Seite der 98% – irgendwie sehr Kontrollverlust auf eine positive Art, aber auch sehr befremdlich_unangenehm, ein Teil dieser Masse zu sein – als auch (und zwar viel öfter) aus der 2%-Perspektive – ausgrenzend, unangenehm, “Irgendwas stimmt mit dir nicht und du kannst jetzt auch mit niemenschem tanzen, weil alle, die du kennst, beschäftigt sind”.

Ich nehme wahr, dass in meinem Umfeld Menschen beginnen, mit diesen beiden Normen zu brechen und ich finde es sehr schön. Gleichzeitig denke ich darüber nach, wer einfach so mit diesen Normen brechen kann und wer nicht. Wessen Enthaltsamkeit ist (positiv) politisch zu verstehen und wessen wird Tabuisiert_als Unterdrückung fremdbezeichnet?
Während das Straight-Edge-Sein an einigen als edgy Merkmal gefeiert wird, können andere ihre Nüchternheit nicht ohne unangebrachte Rückfragen offen zeigen. Wenn es nicht gerade von Außen auf eine ganz rassistisch auf eine religiöse_kulturelle Ebene gehoben wird, kann es auch schön stigmatisierend stattfinden. Wer nicht trinkt, hat bestimmt mal ein Alkoholproblem gehabt oder ist auf Psychopharmaka und kommt in die “BLOSS NICHT DRAUF ANSPRECHEN ABER UPS JETZT HAB ICH’S DOCH GEMACHT HEHEHEHE AWKWARRRRD”-Schublade. Davon abgesehen, dass es Menschen nichts angeht, weshalb eins Drogen nimmt oder nicht, macht das Reproduzieren der Alkoholnorm die Sache nicht angenehmer.

Als ich anfing, Medikamente zu nehmen und es mir ohnehin nicht gut ging, verzichtete ich ein paar Monate lang auf Alkohol. Ob denn Wodka in meiner Club Mate sei, wurde ich gefragt. Ob ich’s nicht langweilig auf der Party finde, wenn alle zu sechs auf der Toilette weißes Pulver schniefen und ich so ganz “come as you are”-mäßig ankomme. Ich hatte keine Lust, fremde Menschen über meine psychische Gesundheit aufzuklären. Ich fragte mich vielmehr, ob es nicht pathetisch ist, dass für sie keine einzige Party nüchtern auszuhalten zu sein scheint. Ich schluckte die Frage.

Was das Knutschen anbelangt, so werden queere Partys für einige auch zu den einzigen Räumen, in dem öffentliches Ausleben der Sexualität sicher möglich ist. Es spielt gar nicht immer eine Rolle, mit wem eins knutscht, sondern wie der eigene Körper aussieht, wenn es um Safer Spaces geht. Manche Körper sind ohnehin schon übersexualisiert oder desexualisiert, sodass nicht alle Räume die nötige Sicherheit geben können. Wer könnte auf der Straße die Person beim Händchenhalten sehen, inwiefern könnte es Probleme für die Person bereiten, wie hoch ist die Gefahr, während_aufgrund der Performance zum Opfer von Street Harassment zu werden?
Auf überwiegend heterosexuellen_weißen Partys wiederum sind vielleicht genau diese 2% von Unterdrückung betroffen. Oder sie knutschen doch.

Es wäre zu leicht, diese Normen mit “einfach nicht mehr trinken” und “einfach nicht mehr knutschen” als gebrochen zu verstehen. Ich weiß selbst nicht, ob ich auf diese Dinge endgültig und ausnahmslos verzichten möchte. Mir würde es schon reichen, wenn ich sie dann praktizieren könnte, wenn ich wirklich möchte, und nicht, weil es von mir erwartet wird_weil es “zu einem guten Abend dazugehört”.

Liebster Blog Award

23 Mär

Kira von Kiraton.com nominierte mich für Liebster Award – discover new blogs! und ich freue mich sehr darüber. Die Regeln sind:

  • Verlinke die Person die dich nominiert hat.
  • Beantworte 11 Fragen die dir vom Blogger, der dich nominiert hat, gestellt wurden.
  • Nominiere 11 weitere Blogger mit weniger als 200 Followern.
  • Stelle 11 Fragen an deine Nominierten.
  • Informiere deine Nominierten über diesen Post.

Da mein Blog aber nicht so neu ist, werde ich das Weiterführen und Weiternominieren skippen – auch, weil ich nicht weiß, welche meiner Lieblingsblogs weniger als 200 Follower haben. Doch ich bin ein Fan von Fragen, deshalb löse ich den Teil schon ein.

  1. Montag morgen. Freude oder Graus?
    Graus. So much Graus.
  2. Was war der Auslöser für dich, mit dem Bloggen anzufangen?
    Ich glaube, es war MySpace. Jedenfalls lernte ich, dass echte Emos auch bloggen.
  3. Welche_r Superheld_in wärst du gern?
    Vermutlich Luna, Sailor Moons Katze.
  4. Wie sieht dein perfekter Sonntag aus?
    Er sollte an einem Ort stattfinden, an dem mir nicht bewusst ist, dass gerade Sonntag ist. Entweder draußen von lieben Menschen umgeben oder im dunklen Technoclub. Beides ist schön.
  5. Wohin würdest du gern mal reisen? Und warum?
    Ich würde gern mal nach Vancouver und Toronto. Mit 10 habe ich beschlossen, dass ich mal nach Kanada möchte, weil viele Musiker_innen und Schauspieler_innen, die ich gern mochte_mag aus Kanada kommen. Zum Beispiel Tegan and Sara oder Ellen Page.
  6. Was kannst du an dir gar nicht leiden?
    Ungeduld und Konsumlust. Wahrscheinlich, weil Letzteres zu Abzügen in meiner Aktivistinnencredibility führt.
  7. Was würdest du gern in dieser Welt verändern?
    Es wäre schon ziemlich feist, wenn wir patriarchal-rassistische Strukturen und den Kapitalismus überwinden könnten. Ansonsten wäre ich schon froh, wenn Geschäfte sonntags geöffnet wären und Konzerte nicht so teuer.
  8. Kämpfen?! Wofür?
    Der Kampf geht solange weiter, bis das schöne Leben™ für alle zugänglich ist. Fort mit Kackscheisze jeglicher Art!
  9. Wo und/oder willst du in diesem Jahr deinen Jahreswechsel verbingen?
    So weit kann ich noch gar nicht vorausplanen. Hauptsache mit zusammen mit Herzensmenschen und gutem Essen.
  10. Es es glitzert, es ist kitschig, ich …
    …schaue mir samstagnachts gemachte Fotos im nüchternen Zustand an.
  11. Wann hat dir das letzte mal jemand gedankt und warum?
    Eine Freundin*, weil ich an sie* gedacht hab.
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