That time of the year: Redefining Ramadan

18 Jun

Zum ersten Mal fastete ich im Jahr 2003 an Ramadan. Ich war zwölf und fasste diesen Entschluss sehr spontan. Das war gleichzeitig der Moment, an dem mich intensiv mit den täglichen Betzeiten auseinandersetzte. Das Durchhalten der Fastenzeit, dieses neue Bewusstsein, gaben mir ein Gefühl der Stärke und der Verbundenheit mit meinen muslimischen Geschwistern.

Das letzte Mal fastete ich mit 16. Ich hatte einen schlechten Tag, mir wurde morgens schwarz vor Augen und ich kippte um. Es waren nur noch ein paar wenige Tage im Fastenmonat übrig. Noch nie zuvor zeigte mein Körper Schwäche, also respektierte ich dieses Zeichen. Danach sammelte sich der internalisierte anti-muslimische Rassismus (insbesondere aufgetreten durch Mangel an emanzipatorischer Aufklärung über islamische Kultur) so stark, dass ich Ramadan nur noch am Essverhalten meiner Eltern bemerkte. Ich hatte nichts gegen Ramadan, ich hatte nur die Bindung zu meinem Glauben verloren. Was mir damals nicht bewusst war: You don’t just stop being a Muslima. Weiterlesen

Feeling Myself: Ein Maysturbation-Mixtape

18 Mai

Y’ALL, IT HAPPENED: Nicki Minaj und Beyoncé droppten das Video zu ihrem Selbstliebe-Hit “Feeling Myself”. Eigentlich gibt es das Video nur auf der kostenpflichtigen Plattform Tidal zu sehen, hier geht es aber zu einem Leak. (So lang er noch funktioniert.) Der Clip ist nicht nur unglaublich übermäßig bombastisch heftig krass super, sondern toppt er nur noch die Intensität des ohnehin grandiosen Titels. Weiterlesen

Warum ich Personen judge, die diese Demo feiern

21 Mär

Dieser Text erschien zuerst am 23. März, wurde aber privat gestellt und um einige Zeile verändert. Das ist die neue Version. Ich veröffentliche den Text erst nach der Demonstration, weil ich Nasser, dem Veranstalter, meine Solidarität nicht entziehen möchte. Ich möchte mich keineswegs gegen Nasser, sondern gegen die Demonstration und die Mehrheit der weißen Personen, die zu dieser Demonstration gegangen sind, positionieren.

Ganz populär und voller Zusagen auf meiner Facebook Timeline: Eine Demonstration durch den Berliner Bezirk Neukölln, der zwischen Gentrifikation und Kanackenhochburg schwankt. Das Ziel? Gegen Homophobie ankämpfen, denn Begehren sei keine Entscheidung. Was mir hier Bauchschmerzen bereitet? Alles. Erst Mal frage ich mich, warum es zufällig ein Bezirk mit vielen Moscheen, People of Color, Schwarzen Personen und von Klassismus betroffenen Menschen ist. Und nicht, sagen wir, Wilmersdorf, Mitte, Spandau oder Dahlem. Beim letzten Betreten dieser Bezirke hatte ich nicht das Gefühl, viel Sensibilität für die Diskrimierung von LGBTQI-Personen vorzufinden. Tatsächlich war die Atmosphäre größtenteils homo- und transfeindlich, vermischt mit einer unangenehmen Portion Rassismus. Eigentlich perfekte Orte, um gegen Homophobie zu demonstrieren, oder?

Wer so auf der Demo war?

Wer so auf der Demo war?

Der Grund, weshalb die Demo in Neukölln stattfindet, ist Nasser El-Ahmads Geschichte. Er traf auf massive homofeindliche Gewalt vonseiten seiner Herkunftsfamilie und möchte nun dort, wo seine Angehörigen leben, den Protest aufmarschen lassen. Solidarität mit Nasser, das ist für mich selbstredend. Diese Solidarität zeigt sich für mich aber nicht darin, in einem See von Mayonnaise mitzulaufen und anti-muslimischen Mist zu rufen. Das Problem sind nämlich diejenigen, die Nasser für ihre eigenen rassistischen Argumentationen instrumentalisieren. Nein, es ist nicht Solidarität, Nassers Kampf zu tokenisieren. 99% der Personen aus meiner Friendlist, die der Demo zugesagt haben, sind weiß. Viele von ihnen sind zugezogene in Neukölln. Das plötzliche Aufbegehren, hier gegen die vermeintliche Homofeindlichkeit zu kämpfen, impliziert, dass vor der Gentrifizierung durch unter anderem weißen Queers nur heterosexuelle Cispersonen dort gewohnt hätten. Es deutet tatsächlich auf sehr viele problematische Zuschreibungen des Bezirks hin: Dass Neuköllner_innen das höchste Maß an Homofeindlichkeit in der deutschen Dominanzgesellschaft seien. Dass es keine Awareness in Neukölln gäbe – an die Neubesiedlung durch queere, mehrheitlich schwule, Räume wird wenig gedacht. Ja, Nassers Täter_innen leben in diesem Bezirk, so what? Die Demo hätte trotzdem in jedem anderen Bezirk stattfinden können.
Der Beschreibungstext hört mit schwierigen Zuschreibungen nicht auf, so steht dort:

Bezirke in Berlin wie Neukölln, Marzahn,… sind nicht wirklich offen gegenüber der Toleranz für Homosexuelle…

Neukölln, einer der Bezirke mit den meisten rassifizierten Person, und Marzahn, wo viele Personen von Klassismus betroffen sind. Liberales Pinkwashing ahoj! Und selbst, wenn die Demo nicht rassistisch und klassistisch wäre, so wäre sie immer noch von queerer Praxis weit entfernt.

Es wird dazu aufgefordert, Akzeptanz aufzubringen, weil Heterosexualität „ja auch“ keine Wahl sei. Erstens ist die These falsch, denn sehr viele Menschen entscheiden sich dazu, heterosexuell und –normativ zu leben. Oder zu performen. Jede PDOA (Public Display of Affection, also öffentliches Zeigen von Zusammengehörigkeit) ist eine Entscheidung. Jedes Knutschen, jedes Händchenhalten, jede Performance wird täglich entschieden und durchgeführt.
Zweitens entfacht es einen Haufen biologistischer Scheiße: Begehren kann durchaus eine Entscheidung sein. Begehren kann manchmal mit Gewohnheiten zusammenspielen. Gewohnheiten sind veränderbar. Kann nur mit einer Pathologisierung à la „die können ja nichts dafür“ argumentiert werden, um einen legitimen Grund für Toleranz zu haben? Toleranz für wen? Wer will diese Toleranz überhaupt haben? Wie wäre es zur Abwechslung damit, Menschen dazu aufzufordern, Entscheidungen zu respektieren anstatt nur biologistische Opferpositionen zu konstruieren?

Ich lehne mich jetzt auch mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass es für die Mehrheit der Teilnehmenden ein Warm-Up für den CSD/Stonewall und weniger eine differenzierte Auseinandersetzung mit Homofeindlichkeit in muslimischen Communities war. Weil scheiße sind immer die anderen.
Außerdem ein kleiner Life-Hack in Punkto Wahrnehmung: Wer [von den zugezogenen weißen Middleclass-Queers] die meiste Zeit in Neukölln verbringt, zum Beispiel weil hier gelebt wird, und hier die meisten Übergriffe erlebt, könnte ja auch 1 und 1 zusammenzählen und kapieren, dass die Übergriffe auch in Prenzlauer Berg oder Pankow passieren könnten, wenn dort viel Zeit verbracht würde. Und ein Fun-Fact zum Schluss: Homofeindlichkeit ist nicht typisch Islam, sondern typisch weißer Westen. Erst nachdem Kolonialismus und Orientalismus, welche muslimischen Communities Promiskuität und Lüsternheit zuschreiben, Einflüsse auf Glaubensreformen hatten, wurde Heteronormativität gepredigt. Auch das Kategorisieren von Identitäten, Begehren und Praxis durch Definition ist eine vom Westen initiierte Norm. Hätten eure Scheißvorfahren mal den Satz “stay in your lane” ernstgenommen, würde das alles jetzt nicht stattfinden müssen. So vieles würde jetzt nicht stattfindet. So check yourself before you wreck yourself!


Zu diesem Thema gibt es auch viel Literatur, die Azadê T. recherchiert und mit mir geteilt hat:

“Türken raus” in der Siegessäule

El-Tayeb, Fatima (2011): European Others. Queering Ethnicity in Postnational
Europe. University of Minnesota Press: London.

El-Tayeb, Fatima (2012): Begrenzte Horizonte. Queer Identity in der Festung Europa. In: Steyerl,
Hito, Gutiérrez Rodríguez, Encarnatión (Ed.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration
und postkoloniale Kritik. Unrast-Verlag: Münster, pp. 129-145. Haritaworn, Jin: (2005) : Der Menschheit treu: Rassenverrat und Multi-
Themenpolitik im derzeitigen Multikulturalismus’. In Eggers, Maisha et al. (eds.), Mythen, Masken und Subjekte: Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Berlin: Unrast, pp. 158-171.

Haritaworn, Jin (2005) : Queerer als wir? Rassismus, Transphobie, Queer Theory. In:
Haschemi Yekani Elahe; Michaelis, Beatrice (Ed): Quer durch die Geisteswissenschaften.
Perspektiven der Queer Theory. Berlin. pp. 216-237.

Haritaworn, Jin, Erdem, Esra, Tauqir, Tamsila, Petzen, Jen (2007): Internationalismus oder
Imperialismus? Feministische und schwullesbische Stimmen im ‘Krieg gegen den Terror’“,
Frauensolidarität, Nr. 100, pp. 8-9.

Warum das x-Pronomen mir Bauchschmerzen bereitet

18 Feb

Große Lücke in der deutschen Sprache? Smoothe geschlechtsneutrale Pronomen. Es gibt viele Alternativen, zum Beispiel stets wechselnde Pronomen, er_sie, sier, xier und das x. Wenn ich aber 0% “er” in meiner nicht-binären_genderqueeren Identität ausmachen kann, fühlen sich viele von ihnen falsch an. Und das x? Weiterlesen

Nö, passt nicht! – Warum white-passing nicht nur ein Privileg ist

2 Jan

Es ist Werktags, kurz vor Jahresende, die Straßen überfüllt mit Menschen, der Boden bedeckt von Schnee, die öffentlichen Verkehrsmittel unübersichtlich. Ich sitze in der U-Bahn, lasse mich über Kopfhörer von Silvana Imam beschallen und betrachte meine Reflexion auf der dunklen Fensterscheibe. Müde sehe ich aus. Und ein bisschen glamourös in meinem schwarzen Faux-Pelzmantel. Auf meiner langen Strecke steigen viele Menschen ein und aus. Zwei coole Middle-Eastern Queens steigt am Hermannplatz ein, die beiden Freundinnen sitzen in einem Viererblock mit mir und einer anderen Person, die ich als Middle-Eastern Mädchen lese. Die beiden Freundinnen unterhalten sich miteinander, die eine hat einen knallroten Lippenstift und lockiges Haar, die andere ein sehr schmales Gesicht und goldene Kreolen. Sie nehmen viel Raum ein, unterhalten sich laut, reclaimen sich den von weißen Yuppies gefüllten Space namens U-Bahnabteil. Ab und zu lächeln sie der vierten Person auf den Sitzbänken zu, es ist keine große Kontaktaufnahme, nur ein Zeichen von “Ich sehe, dass du da bist, Schwester!” Ich beobachte die beiden, bewundere sie. Sie wirken auf mich sehr selbstbewusst und erinnern mich an Töchter von Bekannten. Ich versuchte, nicht starrend auszusehen, also schaute ich immer nur für ein paar Sekunden hin und senkte meinen Blick schnell wieder. Ich lächelte, hätte ihnen gern zugelächelt. Hätte gerne auch ein “Ich sehe, dass ihr da seid und ich bewundere euch, Schwestern!”-Zeichen ausgesandt. Wie ich es oft auf der Straße versuche, wenn ich Muslimas und nicht-weißen Personen über den Weg laufe. Aber ich werde häufig nicht erkannt. Weiterlesen

Breaking News: Die meisten weißen Deutschen sind hart rassistisch

23 Dez

[TW: Rassismus, anti-muslimischer Rassismus]

Jede Woche laufen ein paar tausend Leute mehr auf der rassistischen, anti-muslimischen PEGIDA mit, der Dresdner Montagsdemo der “Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes”. Der Boden für diese beschissenen Weltansichten wurde schon vor Jahrzehnten gesät, die Anschlussfähigkeit im Land ist enorm: Jede dritte Person in der BRD fürchtet sich vor dieser vermeintlichen Islamisierung. Christliche Werte™ werden von heute auf morgen in CAPSLOCK geschrieben und dürfen nicht untergehen. Immer wieder wird sich von (Neo-)Nazis und Rechtsradikalen distanziert, es seien “stinknormale, besorgte Bürger”, die hier auf die Straße gingen.

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Mixtape: Best of 2014

13 Dez

 

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Finally. Gesellschaftlich und politisch ist viel Scheiße passiert, aber auch in der Musik gab es viele Flops. (Ich sag nur: Eminem und Iggy Iglesias.) Trotzdem: ES GAB NICHT NUR SCHLECHTES AN 2k14!

Ihre lang ersehnten und hinausgezögerten Debütalben veröffentlichten unter anderem Angel Haze, Azealia Banks, FKA twigs und Beatrice Eli. Das geschah nicht leise und unauffällig, sondern erlebte einen Sturm der Begeisterung – zurecht. Über LP1 von twigs bloggte ich hier sogar. Mit Beatrice Eli führte ich letzte Woche ein Skype-Interview, das ihr bald auf Missy Online lesen könnt. Eine ausführlichere Rezension gibt es Anfang nächsten Jahres in der taz.

Mit einzelnen Tracks teasten hingegen Tami Tamaki, Hannah Diamond, Ibeyi und Schnipo Schranke. Erstere ist übrigens auch im schwedischen Spielfilm “Something Must Break” von Esther Martin mit “I Never Loved This Hard, This Long Before” zu hören, vor ein paar Monaten konntet ihr das Lied auf dem Bound 2 Tape hören. Anfang des Jahres kam ich auch in den Genuss, sie im Leipziger Westwerk live zu sehen und ein bisschen mit ihr zu schnacken. Super interessante Person, ihr solltet sie unbedingt im Blick behalten!

Geehrt wurde dieses Jahr immer wieder Queen Bey: Ob im M.I.A.-Remix, in der Kollaboration mit Nicki Minaj oder tanzend mit ihrer Girl Gang in Boy-Briefs. Auf Beyoncé war mal wieder Verlass, sie brachte gute Styles, viel Gossip bezüglich ihrer Ehe mit Jay-Z (inklusive eines Trailers für “ON THE RUN” – einem Film, der nie erschien) und arbeitete mit Qualitätsmenschen zusammen. (Anders als J.Lo, die ihren Booty-Song lieber mit der rassistischen Iggy Azalea machte. Sie hätte alles haben können und trifft dann diese Entscheidung. Sehr enttäuschend.

Nicki Minaj selbst hingegen brachte neben anti-semitischen Tweets und dem Flawless-Remix einen eigenen Smash-Hit raus: Mit Anaconda war der Anilingus-Diskurs in der Popmusik nicht mehr auszublenden. Und ein frisches Album gibt es auch! Im Frühjahr 2015 habt ihr sogar die Möglichkeit, sie live zu sehen, wenn ihr wollt. Ich werd das definitiv tun.

Wie auch ihre Partnerin Beatrice Eli feiert Silvana Imam ihren Erfolg als queere Newcomerin in Schweden. Ihre Super-EP “När du ser mig” spielte sie auch, als ich sie im Oktober in Göteborg live sah. Sehr empowernd, so fierce Middle-Eastern Queers zu sehen!

Coole Alben brachten auch Warpaint, Bombay Bicycle Club, Fenster, Könsförradare, Lykke Li und Jessie Ware raus, eine EP hingegen gab es auch von EASTER. Und wer ab und zu Spotify hört, wird nicht an Kiesza vorbeigekommen sein.

Meine 21 liebsten, 2014 veröffentlichten Hits könnt ihr euch jedenfalls auf meinem neuen Mixtape anhören. Was mich dieses Jahr sonst noch entzückt hat, könnt ihr auf den anderen 2014 erschienen Listen nachsehen. Und ich würde gern wissen, welche Lieder, Alben oder Musikvideos euch dieses Jahr umgehauen haben?

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