Queer sein? Okay, aber nur, wenn du heiß* aussiehst!

23 Apr

Früher hatte man Edge, wenn man sich zu Tegan and Sara bekannt hat, heute muss man die Band als Guilty Pleasure rechtfertigen. Über die neue Platte lässt sich viel erzählen. Mir persönlich gefallen ein paar (wenige) Songs ganz gut, den Rest kann ich mittlerweile nicht mehr hören. Eines der meiner Meinung nach guten Titel ist „I Was A Fool“. Jetzt gibt es dazu ein Video, das mein Weltbild zerstört hat. Nicht nur seine Sterilität, sondern die gesamte Aufmachung enttäuscht.

Es schreit nicht nur Popindustrie und Plastik (Strandaufnahmen, fettes Haus mit Kamin, dunkler Raum mit Klavier – könnte auch von Justin Biber sein), mich stört etwas Anderes: Die Darstellerin des lyrischen Ichs, das (wenn meine Interpretation des Namen Sidney als weiblicher) aus einer einseitigen Romanze mit einer möglicherweise sich als weiblich definierenden Person kommt, tendiert zum heterosexistischen Stereotypen: Als Frau ist es solange okay, sich als lesbisch zu präsentieren, wenn man feminin und (leider oft damit verbunden) auch für Männer attraktiv ist. Es ist wie eine Rechtfertigung à la: „Ja, wir haben eine Lesbe im Programm, aber schau, auch Männer haben was davon.“ 
Noch dazu wählte man einen klassisch „schönen“ Körper: schlank, ableisiert, weiß. (Gut, an diesem Punkt muss man sagen: Da passen auch die beiden Zwillinge rein.)

Bildschirmfoto 2013-04-23 um 14.03.19

Ich will damit nicht sagen, dass lesbische Frauen in Medien bitte immer wie „Butches“ auszusehen haben, auf gar keinen Fall, es wäre bloß wünschenswert, wenn sie weniger durch den Male Gaze gesehen und ein bisschen weniger nach privilegiertem, weißen Mädchen dargestellt würden. Ein bisschen Diversity halt.

Und Nachtrag: Ich finde es schade, dass Tegan and Sara in die Richtung „Altern ohne Würde“ abrutschen. Ein großer Teil ihrer Fans kannte sie schon vor „Sainthood“, der ist fast genauso alt die die beiden selbst und da fände ich es schön, das Marketing nicht auf Teenager und Mainstreampublikum abzustimmen. Hätten sie dort neue Fans gewinnen können, hätten sie das auch mit ihrer Guetta-Kollaboration geschafft. Haben sie aber nicht.

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14 Antworten to “Queer sein? Okay, aber nur, wenn du heiß* aussiehst!”

  1. Cindy 23. April 2013 um 16:29 #

    Auch in habe meine Probleme mit dieser Band, aber Deine Kritik kann ich, jedenfalls mit der Erklärung „Male Gaze“, nicht nachvollziehen.

    Feminine Lesben gelten bei Dir also als heteronormativ – ein ganz alter Hut. Wie sieht denn eine nicht so priviligierte Lesbe aus? Nicht-weiß? Okay, das Argument verstehe und unterstütze ich. Nicht-schlank? Da gehe ich auch mit. Nicht-„Lange, lockige Haare, tiefer Ausschnitt, Make-Up“? Warum nicht? Müssen alle Lesben kurze Haare, nicht geschminkt und in geschlossener Kleidung herumlaufen?

    Lesben werden in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch als „maskulin“, „Butch“, „Mannsweiber“ beschrieben (jedenfalls in Europa). Eine feminine Lesbe wird entweder gleich als Hetera gelesen oder ihr wird, wie von Dir, Male Gaze vorgeworfen. Und warum überhaupt Male Gaze? Woher willst Du wissen, dass die besagte Frau mit ihrem Aussehen einem Mann gefallen will? Vielleicht mag sie lange Haare und Make-Up einfach.

    Gerade diese Argumentation finde ich diskriminierend, schließlich haben gerade feminine Lesben mit Vorurteilen und Unsichtbarkeit zu kämpfen. Du trägst dazu mit diesem Unsinn auch noch bei, statt Dich auf die wirklich blöden Inhalte (weiß, schlank, ableisiert) zu konzentrieren.

    Und ganz nebenbei: auch eine Shane ist priviligiert – weiß, schlank, ableisiert. Eben genau wie Tegan und Sara selbst. Also, WTF?

    • henghdf 23. April 2013 um 18:56 #

      Stimmt, du hast Recht, ich habe das Femininsein zu Unrecht kritisiert, aber mir geht es darum, dass im medialen Mainstream fast nur feminine Lesben gezeigt werden. Oder zum Beispiel im Mainstream-Porno: Wenn eine lesbische Frau gezeigt wird, dann ist sie zu 99,9% feminin, gar nicht wirklich lesbisch und soll vor allem Männern gefallen. Mir kommt es vor, als müsste man oft als Lesbe feminin sein, um „anerkannt“ zu sein, so nach dem Motto „aber wenigstens sieht sie aus ‚wie eine Frau‘ und auch Männer können Gefallen an ihr finden“.

      Ich werd das im Artikel hier mal ändern.

      • Cindy 23. April 2013 um 19:15 #

        Dass Pornos aus einer ganz anderen Themenecke kommen und so rein gar nichts mit Musikvideos zu tun haben, ist Dir hoffentlich klar. Darin geht es schließlich nicht darum, eine Lesbe realitätsnah darzustellen, sondern Männer anzumachen, sexuelle Fantasien nachzustellen. Mal ganz davon abgesehen, dass in Mainstream-Produktionen keine Lesbe zu finden sein wird.

        Das „Anerkennen“ geschieht eigentlich genau anders herum. Feminine Frauen werden von heterosexuellen Menschen fast immer straight gelesen, der Gedanke an eine queere Identität kommt erst gar nicht auf. Dazu werden Lesben in den öffentlichen Medien und im Film/Fernsehen meist als Butch dargestellt, denn feminine Frauen sind doch „zu hübsch“, um wirklich lesbisch zu sein.
        In der queeren Szene wird femininen Frauen ihr Aussehen oft vorgeworfen (wie Du es auch getan hast). Dabei wird ihnen keine eigene Expertise zu Heteronormativität zugestanden, sie seien nicht wirklich lesbisch, würden nur Männern gefallen wollen und so weiter. Diskriminierung und Ignoranz also. Du reihst Dich da schön ein.

        Zu diesem Thema gibt es schon viele Artikel im Netz, Google hilft bestimmt. Und das nächste Mal recherchierst Du vielleicht vorher besser, anstatt Pornos, Musikvideos und Feminität ohne Grundlage durcheinander zu werfen. Damit reproduzierst Du unreflektiert Sexismus und sprichst vielen Frauen ihre Erfahrungen ab.

  2. henghdf 23. April 2013 um 19:19 #

    Sorry.

  3. TeileDesGanzen 23. April 2013 um 20:27 #

    In Anbetracht der Tatsache, dass mit Tegan und Sara bereits zwei androgyn angehauchte Lesben im Video zentral präsent sind, kann ich die Kritik an der Femininität der dritten Darstellerin nicht nachvollziehen. Und warum gerade die einzige Darstellerin, die nicht zugleich auch Sängerin/Musikerin ist, jetzt alleinverantwortlich die Diversity reinbringen soll, die Tegan und Sara selbst nicht verkörpern, verstehe ich auch nicht so richtig.

    Und abgesehen davon habe ich mich beim Betrachten des Videos gefragt, ob es nicht vielleicht Absicht ist, dass die langhaarige Darstellerin sich (abgesehen von ihrer Haarlänge und Ausschnitttiefe) so wenig von Tegan und Sara unterscheidet. Ich lese sie nämlich als eine Art „jüngeres Ich“ der beiden, u.a. auch wegen der kaputten Schallplatten, die mir doch sehr vergangenheitssymbolisierend vorkommen. (Nicht, dass diese Lesart nun unbedingt „richtiger“ wäre als deine, aber sie ist genauso plausibel.)

    Was ich jedoch sehr gut verstehen kann, ist die Enttäuschung, sich in der Musik/den Videos einer ehemals geliebten Band nicht mehr wiederzufinden, nachdem diese kommerziell erfolgreich und stilistisch mainstreamiger geworden ist. Aber das lässt sich auch sagen, ohne das Vorhandensein von einem Drittel vielleicht-lesbischer Femininität (gegenüber zwei Dritteln definitiv-lesbischer Androgynität) in diesem Video als immer noch zuviel darzustellen.

  4. TeileDesGanzen 23. April 2013 um 20:39 #

    P.S. (Ich habe erst nach dem Kommentieren die Änderungen im Artikel gesehen.)

    Ich teile die Kritik an dem definitiv vorhandenen Mangel an im Mainstream vorhandenen Bildern von Butches und anderen nicht-femininen Lesben (und Bi-/Pansexuellen) absolut.

    Aber ich bin zum Kotzen genervt davon, dass sich offenbar noch immer nicht rumgesprochen hat, dass feminine Cisweiblichkeit ebenfalls eine legitime queere Geschlechtsidentität ist, die von vielen von uns keineswegs deshalb gewählt wird, um von Männern attraktiv gefunden zu werden oder um bloß nicht die zweigeschlechtliche Normalität zu stören. Im Gegenteil, für viele von uns sind diese Unterstellungen äußerst lästige Nebenwirkungen unseres Genders.

    • henghdf 23. April 2013 um 21:08 #

      Ich wollte mit meinem Eintrag nicht implizieren, dass feminine Cisweiblichkeit in der LGBTQ-Szene unauthentisch ist oder dass queere Frauen sich feminin kleiden, um von Männern gemocht zu werden. Ich selbst kleide mich auch eher feminin, trage Make-Up und das nicht um männlichen Gefallens Willen. Leider habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt und habe Raum für ein solches Verständnis gelassen und damit ungewollt Sexismus reproduziert.

  5. Nilufar Ginette 28. April 2013 um 12:32 #

    Hi. Ich muss sagen, ich bin auch irritiert, das hier das Mainstreamartige am Video so kritisiert wird. 1. Es IST verdammt schwer als feminine Lesbe Räume im Mainstream für sich zu reklamieren. Ich glaube, viele haben es auch satt, nur weil sie lesbisch sind, auch sonstwie „alternativ“ rüberkommen zu müssen. Ich zumindest kann nachvollziehen, dass sich einige eben nach genau diesem Mainstream sehnen, und warum sollen sie das auch nicht? Wenn T+S klingen wie Justin Bieber, oder sie auf diese Ästhetikl setzen, kann man sie ja kritisieren, wenn man Justib Bieber nicht mag. Als ansonsten: so what? Warum sollte das nicht mit lesbsich sein zusammen passen? Sollte es nicht eben auch mal gaye Justin Biebers und Beyoncés geben? Die ganz normal zwischen den anderen Hochglanzmusikvideos zu finden sind? Ich selbst bin auch kein Fan von solcher Musik, aber mich nervt es, dass ich SOWOHL in Homo- als auch in Heterokreisen immer irgendwie „alternativ“ oder „politisch“ oder „engagiert“ sein MUSS, nur weil ich lesbisch bin. Vor allem, weil in schwulen Kreisen genau das nicht der Fall zu sein scheint. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es als schwuler Mann wesentlich einfacher ist, einfach nur schwul zu sein, einen Mainstream-Musikgeschmack zu haben und sich nicht die ganze Zeit positionieren zu müssen.

    • henghdf 29. April 2013 um 13:18 #

      Ich glaube, es kommt drauf an, in welchem Umfeld du dich bewegst. Bei mir ist es so, dass ich vor Ort so gut wie keine queeren Menschen kenne und deshalb Aktivismus/politisches Interesse/alternativer Lebensstil eher als zusätzliche Abgrenzung betrachtet wird anstatt, dass es von mir erwartet würde. In anderen Freundeskreisen merke ich dafür schon, dass es von mir erwartet wird, auch politisch engagiert zu sein.
      Dass es einfacher ist, „einfach nur“ schwul zu sein im Vergleich zum Lesbischsein, ist mir allerdings auch aufgefallen.

  6. BananaH 1. Mai 2013 um 09:31 #

    Ich war ein bisschen enttäuscht, als ich gesehen habe, dass es sich bei der Hauptdarstellerin um Mae Whitman handelt. U.a. bekannt aus „The Perks of Being a Wallflower“ oder der Serie „Parenthood“. Sie wurde damals oft auch wegen ihrem Gewicht kritisiert, schade dass sie der Kritik scheinbar nachgegeben hat.

    • henghdf 1. Mai 2013 um 11:15 #

      Oder in Scott Pilgrim spielt sie auch mit. Und bisher war ich immer voll Fan von ihr, mag sie in ihren Rollen in Scott Pilgrim und Perks extrem gern, sie ist da so authentisch und hier in dem Video hat sie so einen Auftritt als random girl, das finde ich schade.

      • nilufarginette 2. Mai 2013 um 00:02 #

        was ist denn an random girl so schlimm? Das verstehe ich nicht.

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