End Shame-Culture & Guilt-Culture

16 Mai

Ich habe es satt, mich zu schämen. Ich habe es so unendlich satt, mich für Dinge rechtfertigen zu müssen, für die ich im Prinzip niemandem eine Erklärung oder Entschuldigung schuldig bin.

Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass mein Körper in keine 36 passt. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass Menschen ihren Stuhl vorrücken müssen, damit ich vorbeikomme. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass die Verkäuferin mir die Hose eine Nummer größer in die Kabine bringen muss. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, wenn ich irgendwo mein Gewicht angeben muss. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass meine Oberarme wie Pudding wackeln, wenn ich sie kräftig schüttle. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass die Wirbel an meinem Rücken nicht deutlich zu sehen sind. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass eine normale Portion mich nicht sättigt und ich mich Nachschlag hole. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, in der Öffentlichkeit Junk Food zu essen. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass meine Oberweite groß ist. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass mein Bauch nach dem Essen weiter hervorsteht. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass mein Kleidungsstil nicht jedermenschs Geschmack ist.

Ich bin es leid, mich dafür zu schämen, dass andere Leute meinen Namen nicht richtig aussprechen können. Ich bin es leid, mich dafür zu schämen, dass mein Name immer buchstabiert werden muss. Ich bin es leid, mich dafür zu schämen, dass meine Eltern kein akzentfreies, grammatikalisch korrektes Deutsch sprechen. Ich bin es leid, mich dafür zu schämen, dass es innerhalb meiner Interessengruppen auch Menschen gibt, die sich scheiße verhalten. Ich bin es leid, mich dafür zu schämen, dass ich in keiner der Kulturen, in denen ich aufgewachsen bin, reinpasse – weder äußerlich, noch geistig.

Ich habe keine Lust  mehr, mich dafür zu schämen, dass andere mir anzügliche Blicke zuwerfen. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass Typen* mich ungefragt anfassen. Ich habe keine Lust mehr, mich zu dafür zu schämen, dass ich das Interesse anderer nicht erwidere. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass mein Rock zu kurz ist. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass meine Bluse durchsichtig ist. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass ich mit manchen technischen Einrichten nicht so gut klarkomme und es auf mein Geschlecht zurückzuführen. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass ich nicht an monogamen Zweier_Paarbeziehungen glaube. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass ich mich nicht mehr als Muslimin definiere. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass ich Frauen* attraktiv finde. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass ich nicht labeln lasse. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass ich zur Therapie gehe. Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu schämen, dass ich Medikamente nehme.

Ich will mich nicht mehr dafür schuldig fühlen müssen, dass ich Kuchen esse. Ich will mich nicht mehr dafür schuldig fühlen müssen, dass ich das Weltbild einiger meiner Bekannten zum Kotzen finde. Ich will mich nicht mehr dafür schuldig fühlen müssen, dass ich tagelang bei heruntergezogenen Rollläden mein Bett nicht verlasse und mich leer fühle. Ich will mich nicht mehr dafür schuldig fühlen müssen, dass ich weinen muss. Ich will mich nicht mehr dafür schuldig fühlen müssen, wenn mir nicht nach Gesellschaft ist. Ich will mich nicht mehr dafür schuldig fühlen müssen, dass mir dieser Film oder jenes Buch nicht gefällt. Ich will mich nicht mehr dafür schuldig fühlen müssen, dass ich mich feminin kleide und mich gleichzeitig gegen die Sexualisierung des weiblichen Körpers positioniere – ganz einfach aus dem Grund, weil ich mich nicht schuldig zu fühlen habe.

Also bitte. Hört auf, anderen Leuten das Gefühl zu geben, sie müssten sich für ihre eigene Person schämen oder für ihr Verhalten (sofern es anderen Personen nicht schadet/sie diskriminiert) schuldig fühlen. 
Für welche Sachen wollt ihr euch nicht mehr schämen (müssen)?

P.S.: Ich habe die Liste der Blogs, die ich euch ans Herz lege, erweitert. Falls ihr noch weitere Tipps habt – immer her damit!

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