Keine falsche Revolution

12 Jun

Es ist schön, dass es vermehrt Stimmen zum Thema Körper gibt, es geht dabei gar nicht nur um Diet Culture, sondern auch um Fat Positivity. Hier zum Beispiel. Oder hier, ganz ganz viele Texte. Und das ist eben nicht nur eine Frage, die seit #Waagnis bearbeitet wird, sondern findet sie schon seit Jahren im feministischen Diskurs statt.
#Waagnis ist kein Hashtag, der revolutionäre Bewegungen in den Köpfen provoziert. Wäre zu naiv, davon auszugehen. Aber für mich ist es ein Anlass, meine persönliche Geschichte zum Thema zu erzählen. Vielleicht können einige sich damit identifizieren, vielleicht auch nicht. Ich wollte einfach drüber schreiben.

[TW: In diesem Text geht es um Essstörungen, ich nenne Gewichtzahlen und nutze Wörter, die eine bestimmte Norm reproduzieren.]

Schon als Kind hatte ich eher „ein paar Kilo zu viel als zu wenig“ auf den Rippen. Das lag zum großen Teil daran, dass die vielen Freund_innen meiner Eltern mich unglaublich süß fanden und mir ihre Zuneigung mit Süßigkeiten und Eiscreme zeigen wollten. Damit machten sie mir in der Tat eine große Freude, mir hat das sehr gut geschmeckt und es kam nicht selten vor, dass ich mich als Kind an Süßem überfraß. Meine Mutter fand das anfangs sehr aufmerksam von ihren Freund_innen, doch als ich ungefähr fünf Jahre alt war, ließ das nach. Ungefähr dann fing sie an mir deutlich zu machen, dass ich schon jetzt dem Schönheitsideal nicht genüge und dass es nicht so weitergehen könne. Sie setzte mich auf eine Diät nach der anderen, die meisten Süßigkeiten klaute ich heimlich aus dem Vorratsschrank, bis meine Mutter keine mehr kaufte. Also holte ich mir von meinem Taschengeld auf dem Schulweg zumindest einen Schokoriegel oder ein paar Teilchen vom Pick’n’Mix. Da ich den Müll manchmal noch in meiner Jackentasche hatte, wurde meine Mutter auch darauf aufmerksam und sanktionierte mich.

Sie informierte auch ihre Freund_innen darüber, dass sie mir bitte nichts Süßes mehr zustecken sollten, doch die hatten ohnehin schon angefangen, meine Figur zu kommentieren. Die Zahl auf der Waage spielte eine immer größere Rolle in meinem Leben, nach jedem Stück Pizza hatte ich ein schlechtes Gewissen und fühlte mich wie ein schlechter Mensch.
Mit 13 beobachtete ich den Erfolg einer Freundin und ihrer Familie, die mit Waight Watchers ein paar Kilo abnahmen. Ich erzählte meiner Mutter davon und von einem Tag auf den anderen waren Lebensmittel für mich nichts als Dinge, die in Punkteinheiten gemessen wurden. Den ganzen Tag lang dachte ich an nichts anderes als an diese Diät. Wie war noch gleich die Zahl auf der elektronischen Waage, die mein Vater extra gekauft hat, damit ich einen präzisen Überblick über meine Figur behalten kann? Waren es gestern nicht doch 200 Gramm weniger? Warum ist es plötzlich mehr, ich habe doch vier Punkte weniger als ich durfte gegessen. Das kann doch nicht sein. Und was hab ich schon so zu mir genommen? In der Schule nahm ich nur noch Obst und einen kalorienreduzierten Müsliriegel mit, mittags gab es für mich fettarmes Fleisch mit Gemüse und Reis, abends nur noch Schwarzbrot mit Aufstrich. Meine Konzentration im Unterricht wurde immer niedriger, deshalb machte ich mir einen zusätzlichen Leistungsdruck und hatte im Leben nur noch zwei Prioritäten: Schule und Abnehmen.

Die Erfolge meiner Gewichtreduzierung wurden von meiner Familie, dem Freund_innenkreis und selbst der Lehrkräfte anerkannt und gelobt. Ich erinnere mich noch sehr gut an diese eine Sportstunde in der 8. Klasse, in der meine Sportlehrerin mich zu sich bat und mir sagte, wie sehr sie meine äußerliche Veränderung schätze und wollte wissen, wie viel ich denn noch abnehmen wolle. Dieser Moment war für mich gleichzeitig ekelhaft und anspornend. Ich wollte beweisen, dass ich noch mehr abnehmen kann, wollte ihr für ihr Verhalten aber auch keine Bestätigung geben.
Nach knapp anderthalb Jahren war ich mit meiner Figur einigermaßen zufrieden, auch meine Mutter gab mir zu verstehen, dass sie mein Aussehen okay fand. Ich dachte, jetzt sei endlich die Zeit gekommen, wie alle anderen Mädchen in meiner Klasse „normal“ zu sein. „Normal“ essen, „normal“ aussehen, „normal“ denken – das heißt, nicht die ganze Zeit über die zu mir genommenen Mahlzeiten denken zu müssen. Das ging nicht. Je „normaler“ ich mich ernährte, desto schlechter mein Gewissen. Ich nahm wieder ein paar Kilo zu, meine Mutter reagierte sofort mit säuerlichen Bemerkungen und wollte meinen Antrieb stärken, indem sie mir Belohnungen für diverse Ziele versprach. Wenn ich es unter 58kg schaffte, wartete ein neuer Füller auf mich, unter 55kg eine neue Jeans. Sie argumentierte immer mit meiner Gesundheit, hielt mir „übergewichtige“* Verwandte väterlicherseits vor Auge und betonte stets, wie unattraktiv fette Menschen doch seien. Sie selbst war zwar auch nicht besonders schlank, sagte aber, dass es etwas Anderes sei, wenn man schon zwei Kinder zur Welt gebracht habe und verheiratet sei.

Ich redete mir ein, dass ich nur aus dem Grund keine Chance bei Jungen hatte, weil ich zu dick sei. (Anmerkung: Soll nicht bedeuten, dass dick_fett und schön_attraktiv sich ausschließen oder einander beeinflussen, für mein 14-jähriges Ich war das aber nicht so klar.) Schaufenstergläser trennten meine Wunschkleidung und mich wie eine unüberschreitbare Barriere. Die Statur der Schaufensterpuppen zeigte, dass zu einem gewissen Outfit auch eine gewissen Figur gehöre.
Bis ich 20 war, probierte ich alle möglichen Diäten aus, extreme, bei denen ich kaum oder nur Pulver zu mir, bis hin zu Nahrungsumstellungen. Es gab auch Zeiten, zu denen ich zwar unzufrieden mit meiner Figur war, mich aber so ernährte, wie es mir passte. Mit 17 wurde ich Vegetarierin, einiges an Fast Food blieb für mich aus. Ich war ungefähr 19, als ich Skinny Bitch las und das Buch zu meiner Ideologie machte. Da auf tierrechtlicher Ebene argumentiert wurde, fand ich die Einstellung der Autorinnen erstrebenswerter als jene, die ich sonst aus dem Diätdschungel kannte. Mit Hilfe veganer, vollwertiger Ernährung schaffte ich es, zum ersten Mal seit Jahren ein gutes Körpergefühl zu haben. Ich redete mir ein, dass das Abnehmen nur ein positiver Nebeneffekt sei und es an erster Stelle an Konsumkritik, Tierrecht und Gesundheit/Vitalität ginge. Allerdings traute ich mich nicht mehr, vor anderen zu essen. In der Schule, während meines Praktikums und auf der Straße aß ich nur Obst oder Salat, nur Zuhause, wenn ich allein war, traute ich mich, die „richtigen Sachen“ zu essen. Ich trieb viel Sport, machte neben meinem Yoga auch Krafttraining und trainierte meine Kondition.
Der Veganismus passte meiner Mutter allerdings so gar nicht in den Kram (ihr merkt, wie sehr sie sich das Recht nahm, über meinen Körper zu bestimmen), wir fanden einen Kompromiss: Lakto-Vegetarismus. Solange sie Bioeier holte und ich sie nicht „unverarbeitet“ (also solange Eier nur eine Zutat unter anderen waren) essen musste, akzeptierte ich sie in meiner Ernährung. Daraus folgte Inkonsequenz, nach 9 Monaten war ich wieder nur Vegetarierin.

Kurz darauf zog ich aus und konnte mich endlich so ernähren, wie ich Lust hatte. Da mir als Studentin die Zeit fehlte, kam es auf viel Mensa- und Fertigessen heraus. Und schon nahm ich wieder zu. Aber es war okay. An der Uni war der Druck, den ich an der Schule hatte (einige meiner Mitschülerinnen mussten wegen ihres Essverhaltens in die Klinik), war enorm gesunken. Lediglich zu Weihnachten, als ich meine Mutter besuchte, wurde ich mit Kritik konfrontiert. Ich ignorierte sie, meine damalige Freundin unterstütze mich und bestätigte mir, dass ich mir keine Sorgen um meine Figur machen müsse, weil es zum einen keine Rolle spiele und ich zum anderen gut aussehe.

Erst letzten August war der Selbstekel größer als der Verstand, selbst meine Schwester riet mir dazu, mich „einfach ein bisschen gesünder zu ernähren“. Auf dem Flohmarkt fand ich für 1€ eine Waage, die ich unserer WG kaufte, setzte mich auf die im Freund_innenkreis meiner Mutter sehr beliebte Almased-Diät. Meine Mitbewohnerinnen quittierten das mit aufziehenden Bemerkungen und dass es doch unfeministisch von mir sei. Aber wenn ich mir unwohl fühle und es mein Wunsch ist, ein paar Kilo weniger zu wiegen, dann ist es so. Und dann spielt es keine Rolle, ob mir diese Ideen von meinem Umfeld oder den Medien in den Kopf gesetzt wurden. Ich war nämlich nicht der Meinung, dass es so war. Fat- oder Bodyshaming anderer kam für mich nie in Frage, weil ich selbst wusste, wie beschissen es sich anfühlt, wenn andere sich in deine Figur einmischen. Mir selbst gegenüber allerdings war ich sehr kritisch.

Almased schmeckte mir nicht, ich konnte mich durch das Fehlen von Essen kaum konzentrieren. Aber ich nahm ab und zwar viel. Ich hatte mir viele Wunschgewichte ausgemalt, aber insgeheim wusste ich selbst, dass bei 1,59m 48kg zu wenig ist. Irgendwann kam dieser Moment, in dem ich merkte, dass es nur eine Zahl auf der Waage ist und dass es nicht an mir liegt, dass Klamotten komisch sitzen, sondern an den Klamotten.
Als ich im September auf der enter_the_gap Demo in Hamburg war und Stimmen zum Thema Körper hörte, wurde mir bewusst, dass sie wirklich keine Rolle spielen. Ich beschloss, dass es mir egal ist. Und es wurde mir egal. Seitdem bin ich endlich auch mir selbst gegenüber body-positive. Ich esse, was ich will, so lange es vegan ist, ich treibe nur dann Sport, wenn mir danach ist, ich kleide mich so, wie ich Lust habe – und es mir scheißegal, dass Samthotpants meinen Arsch dicker aussehen lassen, ich mag diese Samthosen, okay?

Die Waage steht bei uns immer noch im Bad. Sie dient nun als Ablage für dreckige Handtücher. Ich glaube nicht, dass dieser Wahn anders gelaufen wäre, wenn ich sie nie gekauft hätte. Es gibt immer noch genug andere Möglichkeiten, die Gewichtsreduzierung festzustellen, durch Maßbände und durch Kleidung zum Beispiel. Natürlich sind diese nicht so exakt wie Waagen, aber ich bin davon überzeugt, dass die Veränderung im Kopf stattfinden muss und nicht im Badezimmermöbiliar. Wenn es um das Aussortieren schädlicher Medien ginge, dann sollte der Fernseher genauso in den Keller. Und das Fenster zur Straße sollte überklebt werden, denn ich weiß noch, wie der Anblick dünner Menschen in mir das Begehren weckten, auch so auszusehen. Heute tut es das nicht mehr. Mit Waage in der Wohnung.

*“Übergewicht“ und „Normalgewicht“ waren damals Maßstäbe, von denen ich mir stark leiten ließ. Heute haben sie keine Bedeutung für mich, weil sie von einer „Norm“ ausgehen, die ich nicht reproduzieren möchte. In diesem Text benutze ich sie in “ „, weil ich deutlich machen will, wie sehr mich diese Worte beherrschen. 

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5 Antworten to “Keine falsche Revolution”

  1. RiotMango (@RiotMango) 12. Juni 2013 um 17:37 #

    hey, ich finde persönliche herangehensweisen an das thema immer gut und danke dir für die offenheit.

    was mich insgesamt stört, wenn menschen (kritisch) über’s dicksein, dicke_fette menschen, abnehmen, zunehmen, körper etc. schreiben, sind die krassen reproduktionen, die auch in diesem text zu finden sind.

    ein beispiel: viele benutzen völlig unkritisch das wört ‚übergewicht(ig)‘. für mich ist das fast schon ein trigger geworden. und ich wundere mich immer darüber, dass auch viele feminist_innen das völlig unkritisch verwenden. was heisst denn bitte ‚übergewicht‘? ‚über‘ was denn? ich denke, dass unser denken über körper schon bei der sprache anfängt.
    ich nutze die (selbst-)bezeichnungen dick und fett, und zwar explizit als soziale kategorien (hier ist eine etwas komplizierte definition: http://riotmango.de/koerper-sind-verkoerperungen-von-machtverhaeltnissen/, eine etwas einfachere ist hier (ganz unten): http://riotmango.de/ver-duenn-isier-dich/). ich vermeide worte wie ‚unter-‚, ‚über-‚ und ’normalgewicht‘, weil sie krasse normen reproduzieren.

    darüber hinaus machen mir solche sätze echt kopfschmerzen:

    „Ich redete mir ein, dass ich nur aus dem Grund keine Chance bei Jungen hatte, weil ich zu dick sei, dabei war ich nicht mal mehr übergewichtig.“

    was soll dieser satz aussagen? was macht dieser satz mit menschen, die ihr leben lang hören, dass sie ‚übergewichtig‘ sind? für mich steckt in dem satz: ich fühlte mich dick (und hässlich), dabei war ich gar nicht dick (und hässlich). ich finde, das da viel drin steckt, was noch dekonstruiert werden muss. ich weiß auch gerade nicht, ob ich mich verständlich mache.

    lieben gruß.

    • henghdf 12. Juni 2013 um 18:37 #

      Hey, danke für dein ausführliches und kritisches Feedback. Ich verstehe auf jeden Fall, worauf du hinauswillst.
      Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, übergewichtig immer kursiv zu schreiben, um die normierte Verwendung zu betonen und eben, dass diese Worte zu der Zeit für mich die Maßstäbe gesetzt haben, heute nicht mehr. Ich bin bloß unterwegs und meine Konzentration ist nicht so gut, ich hab’s einfach vergessen, weiterzumachen, werde ich aber auch ändern.

      Was ich mit dem anderen Satz aussagen wollte, war das: Ich hatte diesen damals für mich wichtigen (an fragwürdigen Normen gemessenen) Maßstab und ich war drunter, hatte sozusagen mein Ziel schon erreicht, das hat mir aber nicht genügt, ich habe einen neuen Maßstab gesetzt. Ich wollte damit nicht sagen, dass ich „übergewichtig“ mit „hässlich“ gleichsetze, ich hatte damals ein grundsätzlich niedriges Selbstwertgefühl, das hing nicht nur mit meiner Figur zusammen.
      Heute bin ich auch „übergewichtig“ und fühle mich schön und sehe auch keinen Grund, dass es einen Zusammenhang dazwischen geben sollte, also zwischen dick_fett („übergewichtig“ ganz zu schweigen) und sich schön fühlen.

      Ich werde dies in meinem Text überarbeiten, ich möchte nämlich auf keinen Fall reproduzieren.

  2. RiotMango (@RiotMango) 13. Juni 2013 um 08:54 #

    ich war gestern ein bisschen genervt von so manchen diskussionen und deswegen ist mein kommentar wohl härter formuliert, als ich wollte.
    ich wollte dir danken für deine antwort und dass du es im text noch einmal deutlicher gemacht hast!
    lieben gruß.

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  1. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Die Waage einfach wegschmeißen und dann ist gut? – Die Blogschau - 15. Juni 2013

    […] Temple, die aufschrieb, warum sie sich von der Aktion nicht angesprochen fühlte. Heng schreibt auf tea-riffic einen sehr persönlichen Text darüber, wie schwer es für ihr 14-jähriges-Ich war, […]

  2. Smash the norm | Tea-riffic - 18. März 2014

    […] knapp einem Jahr erzählte ich schon mal ausführlich über Body-Image-Issues, die ich jahrelang hatte (TW: Essstörung, normreproduzierende Begriffe, […]

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