Die Sache mit dem Namen

19 Jun

[TW: Es geht um meine Erfahrungen mit latentem Rassismus, basierend auf der Tatsache, dass ich nicht Claudia oder Susanne heiße.]

Bereits im Kindergarten fühlte ich mich mit meinem undeutschen Namen wie ein Alien. Das liegt zum Teil auch daran, dass ich auch genauso behandelt wurde. Unlustige Wortspielchen wurden aus den acht Buchstaben gemacht, „das ist aber komisch“, meinte man mir erzählen zu müssen.

Ab dem ersten Schultag fing der Spaß mit den Klassenlisten an. Nach den ersten Durchlaufen wusste ich, dass ich dran bin, bevor der erste Laut ausgesprochen wurde. Erst mal kam ein Zögern, dann ein angestrengtes „H…e…n….“ und schließlich die Resignation. „Tut mir Leid, kann ich nicht aussprechen. Wie heißt du?“ – „Hen-ga-meh.“ – „Der Name ist aber nicht von hier?!“ Natürlich nicht. Ansonsten würden Sie wenigstens versuchen, Ihn komplett vorzulesen, Frau Lehrerin. Sobald die Herkunft geklärt ist, interessieren sie sich dafür, ob ich denn auch deutsch verstehe. Und meine Eltern eigentlich auch? Ist das bewiesen, fühlen sie sich gezwungen, auch mal etwas Nettes zu sagen. „Das sieht man dir aber gar nicht an, dass du aus dem Iran kommst!“ Sie sagen es, als ob es etwas positiv Hervorzuhebendes wäre, wie ein Kompliment. Als ob es schlimm wäre, sähe mensch es mir an. Fakt ist allerdings, dass die Herkunft meiner Eltern es sehr wohl optisch wahrnehmbar ist, die meisten Menschen sich mit der Kultur aber nicht im Geringsten auseinandergesetzt haben und einen Stereotypen mit dunkler Haut und dunklen Haaren vor Augen haben. Passt jemand nicht in dieses Bild rein, ist die Person tendenziell „eine von ihnen“. Allein das Nachvollziehen dieser rassistischen Logik finde ich ekelhaft.

Viele Lehrer_innen haben es bis zum Abitur nicht auf die Reihe bekommen, meinen Namen richtig auszusprechen. Der ist eigentlich ziemlich einfach, es ist eine Konsonant-Vokal-Konstruktion ohne Stolperfallen. Was meinen Nachnamen betrifft, so sollte mensch den drauf haben, wenn mensch ein verdammtes Mal zuhört. Was ist so schwer an [Jakobi-farah]?
Dann gibt es noch diese Kategorisierungen. Indien? Bangladesch? Japan? (Jap, alles schon gehabt.) Na, wie wär’s mit Gehteuchnichtsanistan oder Istdochscheißegalien?

„Oh, ich kenne jemandem aus dem Iran. XY aus X. Kennst du die Person auch?“ Seh ich aus wie die Gelben Seiten? Warum geht mensch denn davon aus, dass ich alle Menschen im Umkreis von 100km kenne, nur weil meine Eltern aus dem selben Land stammen wie deren Vorfahren?

Ebenfalls gern gehört: „Sind deine Eltern eigentlich Islamisten?“ Wat. Und: „Was bedeutet dein Name eigentlich?“ Mich interessiert es auch kein bisschen, was der Name Nils oder Nina bedeutet. Was erwarten sie denn, von mir zu hören? Und warum spielt das eine Rolle, wenn wir uns gerade mal eine Minute kennen? Und warum wollt ihr meine Haare anfassen? Ich will auch nicht alles begrabbeln, weil es mir fremd ist.

„Ey, wenn du aus dem Iran kommst, habt ihr Zuhause dann auch Perserteppiche?“ – „Joa…“ – „OHA! HABT IHR AUCH EINE PERSERKATZE?“ Frage ich alle Deutschen, ob sie einen Schäferhund haben?

Solche Erfahrungen machen mir klar, dass der Begriff weiß nicht auf die Hautfarbe bezogen ist. In Deutschland kann der Begriff der whiteness allerdings auch nicht wie in USA verwendet werden, sondern sollte er meiner Meinung nach mit Deutschweißsein ersetzt werden.

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7 Antworten to “Die Sache mit dem Namen”

  1. owyanna 19. Juni 2013 um 19:26 #

    Den Artikel fand ich – abgesehen davon, dass er einfach für sich schon sehr lesenswert ist – persönlich sehr spannend. Als ich die ersten Zeilen las, vom undetschen Namen im Kindergarten, dachte ich sofort: Hm. Im Kindergarten hatte ich selber noch kein Gefühl dafür, was typische Namen sind, und was nicht. Meiner ist nämlich keiner. Er stammt aus Nordfriesland, aber selbst dort kennt ihn soweit ich weiß so gut wie keiner. (Einzige Ausnahme: Mir ist mal ein Junge begegnet, der tatsächlich von einer Hallig stammt, und der hat den Namen sofort richtig ausgesprochen und verordnet, das war schon faszinierend, denn ich selber spreche ihn quasi immer ‚falsch‘ aus.) Die meisten, und hier wurd’s für mich interessant, verorten ihn allerdings immer „irgendwo in Osteuropa“ – und die Unterhaltung geht dann dort nicht weiter, weil ich dann sage: Nein, ist deutsch. Und ich auch. Und dann – fällt den Leuten dazu eben nichts mehr ein.
    Was ich damit sagen will: Ich fand es spannend, zu sehen, an welcher Stelle „wirklich“ irgendwelche Stereotypen ins Spiel kommen, da es in deinem Falle ja tatsächlich ein „ausländischer“ Name ist… Ich hoffe man konnte jetzt die Logik einigermaßen nachvollziehen…?

    • henghdf 20. Juni 2013 um 00:08 #

      Ich glaub, ich verstehe, was du meinst. Und ja, ich kann mir auch vorstellen, dass es nicht nur bei undeutschen Namen, sondern insgesamt bei ungewöhnlichen Namen dieses Gefühl gibt, „falsch“ zu sein. 🙂

  2. Lea 21. Juni 2013 um 09:45 #

    Fand ich sehr interessant zu lesen. Ich lese gerade das Buch „Sie können aber gut deutsch!“ und da sind bei mir viele Erinnerung hochgekommen. Ich bin vom Aussehen under herkunft so deutsch wie irgendwas (fand ich als Kind übrigens immer doof, alle anderen waren so viel interessanter als ich, da konnte ich die priviligien die ich habe noch nicht so ganz nachvollziehen), aber ich komme aus nem teil von berlin wo vielleicht 4/5 „deutsch-deutsche“ in der Klasse sind. Meine Freunde hatten alle einen „migrationshintergrund“ (auch toll im buch, wie sie sich über dieses Wort hermacht)aber wurden sehr unterschiedlich wahrgenommen. Meine besten Freunde konnten alle perfekt deutsch und dann wird wirklich einfach nur noch nach Name & Aussehen eingeteilt. Meine weißrussische Freundin hatte einen „deutschklingenden“ Namen (auch nur weil so viele russische Namen hier als „deutsch“ gesehen werden) und sah weiß aus – also kein Problem, „so lange sie nicht immer russisch mit allen redet“. Meine eine beste Freundin hat einen Vater aus Bangladesh aber einen sehr deutschen Vornamen und Nachnamen. Meine andere beste Freundin hat einen äthiopischen Vater & einen „fremdklingenden“ Nachnamen.
    Ich habe selbst so oft mitbekommen wie Leute vermeindlich freundliche & nette Kommentare gegegnüber ihnen gemacht haben, die mir einfach so bizarr vorkamen. Und gerade bei meiner Freundin mit dem afrikanischen Namen. Lehrer die einfach sagen „man, jetzt sag doch mal! woher bist du denn? Ich kann es dir & deinem namen nicht ansehen! arabisch? türkisch? waaas? afrikanisch! aber du bist doch voll hell, nicht so richtig schwarz“

    Die Freundin mit dem Vater als Bangladesch sagt auch grundsätzlich nur „Ich bin deutsch. Ich komme es Deutschland. meine Muttersprache ist deutsch.“ etc und erst vielleicht wenn jemand ganz konkret fragt „und woher kommt dein vater?“ sagt sie das, was sie eigentlich hören wollen. Ihr nationalgefühl ist denen sowas von egal, ob sie indisch spricht (tut sie nicht, was interessant ist, weil sie polyglott ist und deutsch, russisch, japanisch, koreanisch und englisch fließend spricht) oder überhaupt schon mal da war (war sie nicht).

    Ich denk mir jedes Mal, wenn ich mich so ekle wenn ich solche Fragen höre, wie sich das für meine Freunde fühlen müssen.

    Sorry für den rant.

    • henghdf 21. Juni 2013 um 14:21 #

      Das Buch klingt interessant, ich schreib mir das gleich mal auf.
      Und du hast Recht, es ist oft sehr subjektiv und Leute kategorisieren einen einfach so, wie es gerade für sie passt. Und dann wirst du in diese Schablone gedrückt.

  3. isablblbl 25. Juni 2013 um 21:00 #

    es kann halt auch irgendwie „umgekehrt“ sein, ich finde es zum beispiel unglaublich traurig wenn meine „migrationsgeschichte“ nicht gelesen wird. mein name und mein nachname werden nicht als spanisch gelesen, dazu ich bin zu „weiß“ um als „echte“ „latina“ erkannt zu werden und irgendwie bin ich aber auch nicht deutsch genug und halt aber auch nicht bolivianisch genug und multiple identitäten können so schwierig sein. ich finde so solche identitätsgeschichten sollten viel stärker fokussiert werden, es gibt so viele von uns!
    puh, so many „…“

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