Nachtrag zum Thema kulturelle Aneignung

13 Aug

Nach den Reaktionen auf meinen Eintrag über Holi-Festivals habe ich das Gefühl, dass zum Thema der kulturellen Aneignung von meiner Seite noch ein paar Sätze gesagt werden müssen. Einige können nicht so recht nachvollziehen, warum es keine Weltoffenheit, sondern Rassismus ist, wenn Gewänder, Kopfschmuck und Symbole aus anderen Kulturen zum Mode-Accessoire des Westens werden.

Die anschaulichste Erklärung ist diese: Wenn PoC in der Öffentlichkeit Saris, Bindis oder Turbane tragen, dann gelten sie als nicht integrationswillig und rückschrittlich. weiße Personen hingegen werden in ähnlicher Kleidung als weltoffen, exotisch (durchaus sexuell konnotiert) und modisch gelesen. Ob sie die Bedeutung kennen oder nicht spielt in erster Linie keine Rolle, weil sie ein Privileg genießen, welches ihnen auf der Grundlage ihrer Hautfarbe zugestanden wird.
Vielleicht ist es ihnen nicht bewusst, aber sobald eins verstanden hat, dass es nicht okay ist, braucht es nicht nach Rechtfertigungen zu suchen. Einzugestehen, dass es der implizierte Rassismus einem nicht bewusst war, sich entschuldigen und aufhören, diese Dinge zu tragen, empfinde ich als elegantere Lösung. So wie es Grimes vor einigen Monaten auf ihrem privaten Blog tat.

Ganz zu schweigen von People of First Nations, deren Kultur von der weißen Regierung komplett ausradiert werden wollte. Ihnen war es verboten, jenen Federhaarschmuck, der zum Festival-Hit für weiße Hipster geworden ist, zu tragen.

Zweitens ist es mir wichtig zu betonen, dass es einen Unterschied zwischen kultureller Adaption und Aneignung gibt. Adaption ist im Zuge der Globalisierung kaum vermeidbar und ist per se nicht negativ. Das Feiern von Weihnachten in nicht-christlichen Ländern oder multi-kulturelle Küche sind die geläufigsten Beispiele dafür.
Bei der Aneignung ist es allerdings immer mit Privilegien und Rassismus verbunden. Unter den Kommentaren eines Eintrags auf The Angry Black Woman fand ich diesen schönen Kommentar von Randy Henderson:

(…)Appropriation implies taking for oneself, to seize possession (or “adopt”) without consent or consideration in a way that detracts from the source culture’s ability to access or enjoy that which you have taken. It is stealing. It is inherently negative. Unlike cultural adoption or depiction, there is no good kind of cultural appropriation.

Abschließend hab ich heute morgen ein Projekt-Blog meiner Kommilitonin gefunden, auf dem sie über Critical Whiteness bei Auslandsberichtserstattungen reflektiert, was ich interessant fand und gern anhängen möchte.

27 Antworten to “Nachtrag zum Thema kulturelle Aneignung”

  1. Nadezda 13. August 2013 um 15:09 #

    cool danke !

  2. isablblbl 13. August 2013 um 16:02 #

    zum thema rassismuskritische auslandsberichterstattung empfehle ich sehr „mit kolonialen grüßen…“ von glokal.org (http://www.glokal.org/publikationen/) – eigentlich die pflichtlektüre für jede/jeden die/der schon mal freiwilligen dienst im globalen süden geleistet hat und/oder noch leisten wird/will.

  3. lawinenhund85 14. August 2013 um 21:23 #

    wo kann ich deinen text findet auf den sich der nachtrag bezieht?

  4. Eine Weiße 17. August 2013 um 18:27 #

    Entschuldige bitte, aber dass du von „kultureller Aneignung“ sprichst und diese dann als „Rassismus“ identifizierst, ist einfach nur unglaublich. Dies sage ich als aufgrund meines Weißseins in deinen Augen sicherlich rassistische Person, die hier aufgrund ihrer weißen Privilegien sich das Recht herausnimmt zu sprechen! Andererseits sollte man es mal so betrachten: Du sprichst aus einer, zumindest in diesem Artikel, nicht positionierten Perspektive über weiße Menschen. Darum nehme ich mir jetzt auch einfach mal die Definitionsmacht (geht ja um mein rassistisch-weißes Verhalten).
    Zuerst einmal: Erkläre mir doch bitte, wo genau dein Problem liegt! Stört es dich, wenn auch als weiß gelesene Menschen einen Turban tragen? Tut dir das in irgendeiner Weise weh? Differenziere doch bitte mal, welche als weiß gelesenen Menschen dies tun! Das sind mit ziemlicher Sicherheit nicht Leute, die mit derlei kulturellen „Mode-Accessois“ ein Problem haben und dich „rassistisch diskriminieren“ wollen. Vielleicht gefällt es ihnen einfach. Vielleicht haben die als weiß gelesenen Menschen ein Problem mit dem Weißsein, wie offenbar viele Anhänger der Critical Whiteness. Vielleicht finden sie „die deutsche Kultur“ genauso dumm, wie du es sicherlich tun wirst! Vielleicht haben sie sich auch keine Gedanken gemacht, das gebe ich zu. Aber: Würdest du dich auch so aufregen, wenn eine PoC in einem Dirndl durch die Weltgeschichte ziehen würde?
    Ein weiterer Punkt: Glaubst du ernsthaft, dass als weiß gelesene Menschen, die Saris, Bindis oder was auch immer (was nicht in ihre Kultur gehört) tragen keine Probleme mit anderen als weiß gelesenen Leuten bekommen, die mit andern Kulturen und deren Accessoirs nix anfangen können? Da zählen dann diese „Privilegien“ der Weißen auch nix mehr (ein ganz sichers Indiz für Rassismus. Das ist mir klar. ABer genau DA liegt dann der Rassismus und eben nicht dort!)! Oder bist du ernsthaft der Meinung, dass wirklich rassistische Menschen dann sagen: „Ah, guck mal! Die Weiße da trägt nen Turban. Find ich toll! Wenn ne Weiße das macht, dann hab ich kein Problem!“
    Meine Güte, warum merkt ihr denn nicht, wie sehr auch ihr kulturalisiert, stereotypisiert und Menschen verletzt? Geht es da um Rache oder Gleiches mit Gleichem vergelten? Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich mit allen Menschen, egal ob schwarz, weiß oder was weiß ich, friedlich zusammenleben möchte. Dabei habe ich als dumme Weiße kein Problem damit, meine Kultur mit Menschen (und auch da ist es mir egal, welche Hautfarbe diese haben) zu teilen, die diese vielleicht sogar (soll es ja mitunter noch geben) mögen. Ich weiß, für diesen Hinweis wird man mir sicherlich einen überbraten, aber ich verkehre tatsächlich in einem sehr interkulturellen Freundeskreis. Und meine Freundinnen und ich reden viel (auch über diese Themen) und lernen sehr viel voneinander.
    Als letztes: Wie kommst du dazu, Menschen als „eins“ und „es“ zu bezeichnen? Diese Formulierung habe ich des öfteren auch an anderen Stellen gelesen. Darum tut es mir leid, wenn dich nun mein Vorwurf trifft. Aber: Wie kommt ihr dazu, Menschen zu einem „Ding“ zu machen? Weil die Pronomen „er“ und „sie“ sich diskriminierend auswirken können? Du liebe Zeit, was soll dann erst passieren, wenn Menschen sich wie ein Ding, wie so „eins“ da, benennen und folglich auch behandeln?
    Meine Entschuldigung vom Anfang des Textes muss ich nun wohl wiederholen. Es tut mir leid, wenn du nun dass abbekommst, was mich seit längerem ärgert. Ich hoffe, du kannst verstehen, dass ich dich nicht persönlich angreifen will. Ich fühle mich als Weiße jedoch angegriffen. Stets aufs Neue, wenn in der Critical-Whiteness-Fraktion pauschalisiert und polarisiert wird was das Zeug hält. Wenn sich viele Menschen PoC`s gegenüber zum Kotzen verhalten, dann ärgert mich das auch! Aber bitte denkt auch mal daran, dass nicht alle Weißen nur Böses wollen.

    • henghdf 17. August 2013 um 20:05 #

      Positionieren würde ich mich als in Deutschland geborene und aufgewachsene Iranerin. Ich positioniere mich gleichzeitig als Weiße und Nichtweiße Person – am wenigsten aber als Deutschweiße.

      Es geht vor allem um die kulturelle Aneignung im Rahmen der kolonialen Geschichte, in der, ganz plattes Beispiel, niemand aus dem Kontinent Afrika Deutschland (oder anderes europäisches Territorium) besetzt hat und sich die Kultur der kolonial unterdrückten angeeignet hat. Die europäische Kultur wurde als solche ja nie ausgebeutet.
      Darüber hinaus wird eine gebürtige Bayerin nie dafür schikaniert, im Dirndl herumzulaufen, während eine PoC in ihrem „“traditionellen“ Gewand“ als unangepasst, exotisch und störend gelesen werden kann. Natürlich sind nicht alle weißen Menschen™ rassistisch. Es geht einfach um das Aufmerksam-machen auf diese Sache, Verunsicherung und, damit verbunden Selbstreflexion, schadet meiner Meinung nach nie.

      Und zum „eins“: Ich probiere unterschiedliche Bezeichnungen wie „eins“ und „mensch“ aus, ich würde nicht sagen, dass „es“ zur Verdinglichung, sondern eher zur Geschlechtsneutralität beiträgt, da er und sie eben sehr binär sind und nicht für alle stehen.

    • Eine andere weiße 18. August 2013 um 07:52 #

      An deinem Punkt war ich (weiß, cis-Frau) auch mal und kann dir sagen, dass eine intensive Beschäftigung mit den eigenen Privilegien zwar unangenehm, aber sehr wichtig ist! Ich empfehle dir daher, dich UNBEDINGT mit Rassismus und Critical Whiteness zu beschäftigen – im Post oben ist auch eine entsprechende Website verlinkt.

      Hier der wesentlichste Aspekt, den ich in deinem Post für problematisch erachte:
      Du verwechselt Wirkungen mit Intentionen. Es geht nicht darum, dass „alle Weißen nur Böses wollen“, Rassismus existiert und wirkt auch unbeabsichtigt. And for the record: Niemand bezeichnet dich als Rassistin. Das ist DEINE Antizipation und vielleicht ein guter Startpunkt für Selbstreflexion. Denn: DU (!) fühlst dich diskriminiert. Es geht hier aber nicht um dich. Du setzt dich damit als das „wahre“ Opfer und umgehst eine Auseinandersetzung mit deinem eigenen Handeln.

      Du hast den Text offenbar nicht sehr sorgfältig gelesen, gerade die verlinkten Texte sind sehr anschaulich, wie ich finde, und hätten einige deiner Fragen beantwortet.

      • Eine andere weiße 18. August 2013 um 07:54 #

        Edit: mein Post bezog sich auf den von @Eine Weiße.

  5. silke 18. August 2013 um 09:40 #

    Die Frage ist: Muss ich den als Bayerin denn dann auch nicht sauer sein wenn in der ganzen Welt OKtoberfeste gefeiert werden und die Leute Lederhosen und Dirndl anziehen. Welch kulturelle Aneignung…

    Nee nee…ich sehe das locker…

    • Trippmadam 18. August 2013 um 14:25 #

      @Silke, eine Weiße, eine andere Weiße:

      Ich denke, ein Teil des Problems ist es, dass Kleidungs- oder Schmuckstücke, die in einer bestimmten Kultur eben nicht nur Kleidung oder Schmuck sind, sondern etwas symbolisieren, gedankenlos übernommen und als konsumierbar betrachtet werden.

      Es ist immer schwierig, zu erkennen, was von der Herkunftskultur gerne geteilt wird und was die Herkunftskultur lieber für sich behalten möchte. Zum Essen lädt man einen Außenstehenden unter Umständen gerne ein, aber schon Musik, die vielleicht in ihrer Herkunftskultur nicht nur Musik ist, sondern etwas Spirituelles oder Identitätsstiftendes, ist eventuell nicht zum allgemeinen Konsum freigegeben.

      Irrtümer passieren da leicht. Man sollte dann aber wenigstens in Betracht ziehen, dass Angehörige der Kultur, bei der man sich unwissentlich bedient hat, etwas Kluges zum Thema zu sagen haben. Wofür man sich am Ende entscheidet, bleibt dem eigenen Anstand überlassen.

      (Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt. Zum Einen fehlt mir ein gewisses Vokabular, zum Anderen halte ich das einschlägige Vokabular mitunter für zu platt und plakativ für meine Zwecke und meinen noch andauernden Lernprozess auf diesem Gebiet.)

      • wurst 23. August 2013 um 14:27 #

        Wow wie es scheint erleben wir gerade einen krassen Backlash in die 80er-Jahre, wo Anti-Imps von unterdrückten Völkern und Kulturen geschwärmt haben. Ich hatte eigentlich gedacht, dass heutzutage das gefährliche Abfeiern von (Zwangs)-Kollektiven und „Kulturen“ vorrüber sei. Für mich bedeutet dass ein Abschied aus dieser „Linken“; welche sich anscheinend lieber in „Spirituellem“ und „Identitätsstiftenden“ suhlt anstatt die Kritik der politischen Ökonomie oder Ideologiekritik voranzutreiben. Dekonstruier mal bitte Kultur und lasst diese schreckliche Rassenlehre von wegen „Deutsch-weiß“. Aber wo wir grad dabei sind, in deiner wahrlich platten Geschichtsauffassung hast du vergessen, dass die Europäer nie die Intention hatten sich deine geliebte „Kultur“ anzueigenen sondern ganz im Gegenteil eher die Ressourcen und Rohstoffe der ausgebeuteten Länder im Sinn hatten. Außerdem gab es wohl eher einen „Kulturexport“ (Franzosen wollten den „Wilden“ die „Zivilisation“ „schenken“) um es mal so auszudrücken.

  6. Miria 18. August 2013 um 23:32 #

    Wie stehst Du dazu, wenn ich als weiße deutsche Person auf albanischen oder kurdischen Hochzeiten nach deren Traditionen tanze und feier? Wenn meine Freunde mich ermutigen deren traditionelle Kleidung zu tragen und ich dies manchmal auch tue?
    Ist das dann immernoch Aneignung oder wäre es nicht im Gegenteil fehlender Respekt, würde ich alles was nicht meiner eigenen Kultur entstammt ablehnen?

    • henghdf 18. August 2013 um 23:49 #

      Für mich hat eine solche Einladung mit viel Vertrauen und Sich-Verwundbar-Machen zu tun, es wäre in der Tat respektlos, den Gastgeber_innen das Gefühl zu geben, dass ihre Kultur komisch sei und du sie nicht adaptieren (hier ist wieder der Unterschied zur kontextfreien Aneignung) möchtest. Dementsprechend stehe ich dem ganzen sehr positiv gegenüber, ich war auch schon auf Festivitäten anderer Kulturen und habe gemerkt, dass die Gastgeber_innen sich freuen, wenn ich mich ihnen anschließe, anstatt ihnen das Gefühl zu geben, sie seien fehl am Platz und sollten sich ihrem Umfeld oder den landesüblichen Konventionen anpassen.

      Aber das ist eben ein ganz anderer Kontext als auf Musikfestivals mit Bindis rumlaufen, um verkleidet und exotisch auszusehen.

  7. henghdf 23. August 2013 um 17:32 #

    @Wurst

    Wow, dein Ernst? Selbst Kinder scheinen kein Problem damit zu haben, die Sache korrekt aufzufassen (siehe http://thudd-nelson.tumblr.com/post/59099669308 ), aber du anscheinend schon?

    • wurst 24. August 2013 um 14:15 #

      Aaahja… cooles Tumblr-Cartoon-GIF.
      Worum es mir nur geht ist, dass dein Verständnis von Kultur keiner fortschrittlichen Analyse gerecht wird, wenn du von „Identitätsstiftend“, „Spirituell“ und „Kommerzialisierung“ sprichst.
      Kultur ist auch immer Zwang und keineswegs nur Ausdrucksmittel von „armen unterdrückten“ Kollektiven. Die Idee ist sich alle „Inder“ mit der sogenannten „indischen Kultur“ identifizieren ist einfach falsch. Was ist mit Menschen in Indien die ähnlich wie viele in Deutschland kein Bock auf heimische „Kultur“ wie Erntedankfest und Weihnachten haben? Ist dir außerdem mal in den Gedanken gekommen dass Menschen die in westliche Staaten migriert sind, dies gerade aufgrund ihrer heimischen „Kultur“ gemacht haben? Ayaan Hirsi Ali ?!

      Das andere Problem sehe ich darin dass du den „kolonialen Kontext“ auf alle Probleme ausweitest. Ein traditionelle afrikanisches Gewand fällt in München sicherlich auf. Aber genau exotisch ist doch ein Dirndl in Zentralafrika. Da kannst du mir nicht erzählen dass sowas wie „Exotik“ eine Erfindung des weißen, angelsächsischen, christlichen, able, nicht-lookistisch-betroffenen, neurotypischen Mannes* ist.

    • wurst 24. August 2013 um 14:18 #

      Als antwort auf dein GIF erscheint mir ein Text aus der Jungle-World über Kultur doch eher angebrachter:
      http://jungle-world.com/artikel/2010/50/42278.html

  8. Trippmadam 24. August 2013 um 05:14 #

    @Wurst: angefangen bei den Römern haben militärisch überlegene und damit „siegreiche“ Völker sich immer bei den Kulturen der von ihnen unterdrückten Völker bedient. Wirtschaftliche und militärische Überlegenheit bedeuten nämlich nicht unbedingt kulturelle Überlegenheit. Ich sehe prinzipiell nichts Negatives daran, sich ein Beispiel an anderen Kulturen zu nehmen und sich auf den Gebieten, wo diese Kulturen elegantere Lösungen für bestimmte Probleme gefunden haben, beeinflussen zu lassen, nur muss man überlegen, wie man mit der betreffenden Kultur in Kontakt gekommen ist. Anders und hoffentlich einfacher ausgedrückt: „cultural appropriation“ ist, als ob Du die Tür deines Nachbarn aufbrichst, mit dreckigen Stiefeln in seinem Schlafzimmer herumtrampelst und ihm dann noch sagst, dass Dir seine Klamotten gefallen und er Dir doch bitte auch solche nähen soll.

    @alle: sorry, mir gefällt mein Vokabular hier selbst nicht, aber so früh am Morgen fällt mir noch nichts Klügeres ein.

  9. Das Ding 1. September 2013 um 14:16 #

    @henghdf

    >>Ich positioniere mich gleichzeitig als Weiße und Nichtweiße Person – am wenigsten aber als Deutschweiße. <<

    Würdest du das bitte mal näher erläutern? Woher soll mensch wissen, ob wie du dich gerade positionierst und wie der Umgang mit dir gerade gestaltet werden darf?

    Zur Bayerin im Dirndl: Da wo ich herkomme, wird sich oft heftig über Bayern und Bayerinnen lustig gemacht. Angefangen beim Dialekt und den "lächerlichen" Trachten. Vor allem aber wird damit oftmals auch rückwärtsgerichtet und nationalistisch assoziiert. So einfach, wie du es darstellst, ist es nicht.

    Menschen als "es" zu bezeichnen empfinde ich als Überlebende sexuellen Missbrauchs als verdinglichung meiner Person. Ich bin kein Subjekt, sondern Objekt, "Es" eben. Das ist von dir bestimmt nicht so gemeint, das unterstelle ich dir nicht. Als Überlebende habe ich aber die Definitionsmacht, was mich verletzt oder wird mir die genommen, weil ich "nur eine Weiße" bin, weil ich schon genug Privilegien habe, auch mal verzichten zu können? Vielleicht lenke ich aber auch nur ab, um mich nicht mit meinem tief verinnerlichten Rassismus zu beschäftigen. So wird es sein. Mache ein Ding aus mir. Ich bin ja nur `ne Weiße, ich habe es nicht besser verdient.

    Es grüßt, auf hohem Niveau jammernd, die eigenen Privilegien nicht gewillt zu hinterfragen

    Das Ding

    • henghdf 1. September 2013 um 14:33 #

      Als erstes möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich ein dich verletzendes Wort benutzt habe und natürlich liegt die Definitionsmacht bei dir. Geschlechterlos ist für mich aber nicht gleich Verdinglichung. Aber jede_r empfindet es natürlich anders.

      Zu meiner Positionierung: Meine Eltern kommen beide aus dem Iran, ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Dadurch, dass ich helle Haut habe, werde ich häufig als weiße gelesen, jedoch nicht immer (dichte Augenbrauen, dicke Haare und eine „uneuropäische“ Nase reichen für viele schon, nach meiner Herkunft zu fragen). Sobald mein Name genannt wird, werde ich jedoch nicht mehr als weiße/als weißdeutsche gesehen. Es ist in mancher Hinsicht ein Privileg, White-Passing zu sein, jedoch habe ich bei weitem nicht dieselben Privilegien wie Weiße_Weißdeutsche.
      Obwohl ich nicht mehr muslimisch lebe, bekomme ich häufig islamphobe Kommentare zu hören bzw. grundsätzlich rassistische. Grundsätzlich wird so gut wie alles, was meine Familie „typisch iranisch“ macht, kritisiert. Besonders in der Kleinstadt war es kaum möglich, die persische_islamische Kultur sichtbar auszuleben, ohne doof gemustert zu werden. Als meine Mutter noch Hijab trug zum Beispiel.
      Reicht dir das als Positionierung?

      Es gibt durchaus lokalpatriotistische Kackscheisze in Deutschland und es mag sein, dass mensch aufgrund eines Dialekts auf der Arbeit schickaniert_nicht ernstgenommen wird, das will ich gar nicht abstreiten.
      Doch es ist trotzdem nicht auf dem gleichen Level wie die systematische Diskriminierung von Migrant_innen.

  10. Miria 2. September 2013 um 10:32 #

    Mit ist zu dem Thema noch was eingefallen: Woher kennst Du die Beweggründe, warum jemand etwas aus anderen Kulturen trägt?
    Du kannst nicht in den Kopf anderer Personen hineinschauen und wenn dir beispielsweise eine Person mit religiösen Zeichen aus anderen Kulturen begegnet, kann es auch sein, das sie ganz einfach an diese Religion glaubt. Es gibt durchaus auch Weiße, die Hinduisten oder Buddhisten sind.
    Wäre es bei solchen Begegnungen nicht auch sinnvoller nachzufragen statt sofort zu verurteilen?

    Liebe Grüße,
    Miria

    • henghdf 2. September 2013 um 10:41 #

      Natürlich gibt es auch Menschen, die dieser Religion/Kultur angehören oder keine sichtbaren PoC sind (ich gehe schließlich auch manchmal als weiß* durch, wenn mein Name nicht fällt), aber die Personen, die ich drauf angesprochen habe, tragen es aus rein ästhetischen Gründen. Zum Beispiel auf Festivals oder Partys.
      Und wenn ich weiße Teenager mit Warbonnets und Hipsterkleidung sehe, bin ich mir eigentlich zu 99% sicher, dass sie keine Native Americans sind.

  11. Introjekt 17. Oktober 2013 um 22:12 #

    „weil sie ein Privileg genießen, welches ihnen auf der Grundlage ihrer Hautfarbe zugestanden wird.“

    Nein, es ist ein ‚Privileg‘ das der politische Souverän einer Zusammensetzung von Menschen garantiert, deren politische Einheit sich nicht aus irgendwelchen ‚kulturellen Identitäten‘ oder Blut & Boden zusammensetzt.

    Die individuelle Absage an kollektive Bestrebungen zu kritisieren ist reaktionär. Es kann nur denen grausen die sich nicht vorstellen können, das sich nicht durch die Berufung auf Blut & Boden (oder Hautfarbe) eine organische Beziehung zum Souverän herstellen läßt.

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