Kein Bock mehr auf Alltagsrassismus

7 Sep

In Deutschland ist Rassismus Alltag und keine Ausnahme. Wenn Sarrazins populistisches Buch als mutig gefeiert wird, wenn Asylbewerber_innen von einem rechten Mob vor ihrem neuen Zuhause begrüßt werden, wenn Merkmale, die nicht als weißdeutsch gelesen werden, zum Nachteil werden, sollte eingestanden werden, dass Rassismus Normalität ist.

Auf der FES-Tagung „Sexismus und Rassismus ab_bloggen“ (u.a. mit Kübra Gümüşay, Jamie Schearer und Sabine Mohamed, moderiert von Yasmina Baszczuk) entstand der Gedanke, einen Hashtag, der wie #aufschrei funktionieren soll, für Alltagsrassismus zu entwickeln. Schließlich wird seit jeher darüber getwittert und gebloggt, auch ohne einheitliches Hashtag. Kübra schrieb ausführlicher über die Notwendigkeit. Gestern Nachmittag wurde diverse Vorschläge über ein Titanpad diskutiert, kurzzeitig sprach ich sogar mit. Als ich weg war, muss irgendwann ein Trollangriff stattgefunden haben, denn der komplette Verlauf war gelöscht, als ich zurückkam. Die Entscheidung war gefällt: #SchauHin. Binnen Minuten füllte sich meine Timeline mit Alltagsrassismuserfahrungen jeglicher Art. Leider dauerte es aber auch nicht lange, bis die ersten Trolle sich einschlichen und unter dem Hashtag rassistische Kackscheisze verbreiteten oder Weißdeutsche sich über umgekehrten Rassismus™ (den es nicht gibt) aufregten. Auch auf Femgeeks gibt’s zur ganzen Geschichte einen schönen Eintrag. Vergesst diesbezüglich nicht, die Petition „Solidariät statt Rassismus“ zu unterzeichnen.

Es wurde übrigens vorgeschlagen, dass Weißdeutsche, die zum Thema twittern und ihre Solidarität ausdrücken möchten, ihre Tweets mit #SchauHinSoli kennzeichnen, damit die Dimension der Erfahrung, also ob eins selbst betreffend oder nicht, differenziert werden kann. Ich würde mir wünschen, dass dies so umgesetzt wird, weil die Lebensrealitäten sich im dem Punkt stark unterscheiden. Unter #SchauHin soll den Menschen zugehört werden, die häufig überhört, unterbrochen oder ausgelacht werden.

Die Tatsache, dass Menschen sich in meinen Tweets zu diesem Thema wiederfinden konnten, bestätigt mich in meiner Einschätzung der Lage nicht nur, sondern macht mich extrem traurig. Andererseits triggerten und triggern mich die Einträge anderer zum Thema so sehr, dass sich hässliche Erinnerungen, die ich komplett verdrängt hatte, wieder in mein Bewusstsein drängten. Ich bin mit meinen Erfahrungen nicht alleine. Wir sind viele und wir werden unsere Stimmen nicht ersticken lassen, bis sich etwas ändert.

Mit ist es sehr wichtig, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass bei weitem nicht alle in Deutschland, Österreich oder der Schweiz lebenden und von Rassismus betroffenen Menschen gehört werden. Nicht alle werden einen Twitter-Account haben, nicht alle Tweets haben die gleiche Reichweite, nicht alle Menschen werden angesichts der vielen Trigger oder auch aufgrund von Internalisierung des Alltagsrassismus über ihre Erfahrungen sprechen. There is more racism than meets the eye.

4 Antworten to “Kein Bock mehr auf Alltagsrassismus”

  1. C. Rosenblatt 7. September 2013 um 11:08 #

    Hat dies auf Ein Blog von Vielen rebloggt.

  2. U_le 7. September 2013 um 11:09 #

    Hey,

    super Zusammenfassung 🙂 Ich habe mich aber gefragt, ob der tweet von noob.fl absichtlich drin ist, der trollt häufig recht unverschämt Feministinnen* und bei #schauhin hat er auch kuriose Sachen in seiner TL :/

    Beste Grüße!

    • henghdf 7. September 2013 um 11:13 #

      Danke für den Hinweis! War mir neu, ich hab’s erst mal wieder rausgenommen.

Trackbacks/Pingbacks

  1. #SchauHin – ein Hashtag, um Rassismus sichtbar zu machen - 8. September 2013

    […] Kein Bock mehr auf Alltagsrassismus von Heng […]

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