Schüchtern präsentierend: „Feminist Killjoy“ – ein Gedicht

1 Okt

Einmal, als ich so richtig wütend war, da hab ich ein Gedicht geschrieben, so auf einer tatsächlichen Anekdote basierend. Ich hatte mir eigentlich vorgekommen, meinem Ruf als Freiburgs Rant-Emanze gerecht zu werden und es auf einem Poetry Slam vorzutragen. Nach langem Überlegen schrieb ich den Veranstalter an und wollte mich bewerben. Bekam ich eine Antwort? Nein.
Seitdem gammelt der Text in meinem secret Ordner. Aber weil ich gerade so euphorisch und vertrauensselig gestimmt bin, teile ich es mit euch. Tut mir Leid, falls ihr’s unlustig und schlecht geschrieben findet. Ist mein erstes Gedicht des Genres „Misandrie“. Ich find, ich hab’s echt okay gemacht.
[TW: Sexismus, Aufdringlichkeit und das Rütteln an Grenzen des Konsenses werden thematisiert.]

Ich hasse Feminismus“
Sagt der Mathematikstudent

Den ich mit nach Hause genommen habe
Weil ich zu betrunken war
Um alleine Fahrrad zu Fahren
So ganz ohne Licht und Koordination 

Zuhause angekommen
Machte ich mich bettfertig
Und er zog sich auf bis aufs nötigste aus
Und ich überreichte ihm eine Gästedecke
Und er kroch trotzdem unter meine
Und ich so:
„Nee du, mir ist nicht danach.“
Mit danach meinte ich Körperkontakt
Insbesondere in Form von Sex 

Ich weiß nicht
Ob er einfach nur dumm ist
Oder extrem penetrant
Jedenfalls will er mich überzeugen
Und mir ein schlechtes Gewissen machen
Frei nach dem Motto:
„Du schuldest es mir
Und überhaupt
Warum nimmst du mich mit zu dir
Wenn nicht um mit mir zu schlafen?“ 

Ich musste mich rechtfertigen
Für das Abweisen seiner Majestät
Als ob es die einzige Gelegenheit wäre
Jemals Beachtung von einem Typen zu bekommen
Und überhaupt
Als ob! Als ob! Als ob!
Plötzlich so: Grundsatzdiskussion
Ganz vorne mit dabei: das F-Wort

„Ganz ehrlich“,
will er mir vom Leben erzählen
„Feministinnen sind doch nichts weiter
Als sexuell unbefriedigt und prüde!
Und männerfeindlich noch dazu!
Guck dir doch mal die Schwarzer an
Die will doch keiner ficken!“

Da weiß ich gar nicht
Wo ich anfangen soll

In meinem Kopf regnet es lauter Fragen
Hat er das gerade echt gesagt?
Ist das sein Ernst?
Ist das 2013?

Ist er dumm?
Lohnt es sich überhaupt
Mit ihm zu reden?

 Ich würde ihn gerne schlagen
Aber dann heißt es ja wieder
„Oh oh oh oh Misandrie, Misandrie!“
Und von wegen
„Militante Feministin!
Total ungerechtfertigt
du reagierst über!“

Also reiße ich mich zusammen
„Get your shit together“,
raune ich leise
Und bin mir gar nicht so sicher
Wem ich das so zuraune
Mir oder ihm 

Sexuell unbefriedigt?
My ass!
Ablehnung und Prüderie?
Die Verwechslung kommt schnell mal vor
Das passiert ganz schnell

Ungefähr wie bei Schüchternheit und Misanthropie
Können die besten von uns gar nicht richtig einschätzen
Das will ich ihm gar nicht vorwerfen
Beziehungsweise
Ich würde schon gern

Aber da haben andere Dinge noch Vorrang
Viele andere.

 „Männerfeindlichkeit“ zum Beispiel

Oh, Misandrie.
Versuchste mal marginalisierten Gruppen
das Leben ein BISSCHEN weniger scheiße zu gestalten

Heißt es gleich Diskriminierung der weißen
heterosexuellen Cis-Guys
Bisschen wie umgekehrter Rassismus
Von wegen

„Stipendien zur Förderung von Migratenkindern
Aber was ist mit Biodeutschen?
Warum feiert man am 8. Mai internationalen Frauentag

Was ist mit den Männern?
Und warum gibt es keinen CSD für Heten?
Oder Suppenküche für Reiche?
Oder Krankenhäuser für Gesunde?“

Oder Alice Schwarzer.
Bekanntlicherweise
Finden alle Feministinnen* sie super
Vor allem ihre Einstellung gegenüber des Islams
Oder gegenüber Sex

Oder gegenüber der Realität
Und bekanntlicherweise
Ist es die Priorität einer jeder Frau
Dass Typen sie heiß finden
Weil du wartest ja auch nur drauf
Dass ein random Typ zu dir kommt
und sagt
„Lass mal Sex haben“

Darauf wartest du
Dein Leben lang
Sonst hast du keine Interessen
Oder Ziele
Würdest dich auch nie so kleiden
Weil es dir selbst gefällt
Nee, nee, immer nur für die Typen.

Jedenfalls.
Ich dann so
Unter Unterdrückung jeglicher Aggression
Zu ihm
Während er 3 Zentimeter von mir entfernt ist
Unter völliger Selbstkontrolle

„Ich glaube dein Eindruck vom Feminismus
ist nicht sehr differenziert
und ich glaube
du solltest schlafen
oder dich anziehen und gehen“
„Spaßbremse! Feministische Spaßbremse!“
höre ich ihn murmeln.

Nein, denke ich 
Tu nicht so als würdest du mich kennen
Du hast da was falsch verstanden
Das bin ich nicht.
Weißte was ich bin?
Eine unverfrorene, feministische Spaßbremse.

 

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6 Antworten to “Schüchtern präsentierend: „Feminist Killjoy“ – ein Gedicht”

  1. light sneeze 2. Oktober 2013 um 12:45 #

    so großartig wie wahr. es spricht beim lesen rhythmisch in meinem kopf.
    danke, und sehr gern öfter und mehr davon…

    • henghdf 2. Oktober 2013 um 13:11 #

      Dankesehr – mal schauen, was ich schaffe. Ich hab sonst eher nur Gedichte in Richtung Welt- und Herzschmerz.

  2. Alex_a 8. Oktober 2013 um 14:46 #

    Wirklich, wirklich gut. Danke für’s Teilen. Nicht so schüchtern mit der Vorstellung – Find‘, Du hast das echt okay gemacht! 😉

  3. kersolq 16. Oktober 2013 um 10:52 #

    oi, wie gut! ich glaub diese Typen denken wirklich so, deshalb passiert es dann umgekehrt, dass wenn du sie wegen sexismus kritisierst sie da rein lesen, dass du sauer bist, weil er nicht mit dir ficken will.

  4. m 26. Oktober 2013 um 06:51 #

    Aha, du übst Gewalt also nicht aus, weil man sonst schlecht über dich reden würde? o.O

Trackbacks/Pingbacks

  1. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Rebel Girls, Gedichte und ein lesbischer Kurzfilm – die Blogschau - 5. Oktober 2013

    […] Tea-riffic hat ein wunderbares Gedicht geschrieben, dass sie völlig unnötiger Weise sehr schüchtern präsentiert; es heißt “Feminist Killjoy”. […]

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