Zwischen Team- und Selbstverantwortung: ein paar Gedanken

16 Okt

Kaum ein Jobangebot kommt ohne der Anforderung der „Teamfähigkeit“ aus. Zunächst klingt das für mich plausibel, denn egal wie groß ein Unternehmen ist, ist es wichtig, dass sich alle gegenseitig zuspielen können und das Arbeitsklima angenehm ist. Ellenbogenkämpfe und Tunnelblicke wirken sich langfristig nicht nur auf eine unangenehme Stimmung aus, sondern sind unsolidarisch und kapitalistisch.

Lange Jahre war „Teamfähigkeit“ eine Eigenschaft, von der ich dachte, sie zu besitzen. Schließlich war ich an der Schule, in politischen Gruppen, in einer Band und im Vereinsport engagiert. Nicht nur auf sich selbst schauen, sondern auch Mal dem nachgehen, was für die Gruppe gut ist – das hatte ich auf jeden Fall drauf.
Nicht wirklich drauf hatte ich, „auf mal Nein sagen“ zu können, auf meinen Körper zu hören und seinen Bedürfnissen nachzugehen, und mir einzugestehen, dass ich gerade an persönliche Grenzen gestoßen bin. Zwischen Klausuren, Aktivismus, Arbeit, Musik und Sport blieb kaum ein Moment zum Durchatmen, ich war im Dauerstress, schlief kaum und hatte ständig Kopf- oder Bauchschmerzen. Selbst, wenn ich mir mal vornahm, mich auszuruhen, konnte ich mich nicht wirklichen entspannen. Wenn ich in eines dieser Gebiete mal nicht alles geben konnte, gab ich mir die Schuld für das Scheitern. Eine gewisse Hierarchie der Prioritäten bestand schon, Schule ging vor, aber der Rest?
Jedes Training, das ich verpasste, machte mir ein schlechtes Gewissen. Das redete ich mir nicht (nur) ein, sondern bekam von meiner Mannschaft und der Trainerin das Gefühl vermittelt, ich müsse mir mehr Zeit und Mühe geben. Ich nahm den Sport nicht ernst genug. Einerseits lag es daran, dass ich selbst nach fünf Jahren verdammt schlecht darin war und die einzige Motivation, zum Training zu gehen, die Freundinnenschaft in der Mannschaft war. Andererseits war ich ausgelaugt und konnte schlichtweg nicht mehr geben.

Die letzten Monate bevor ich aufhörte fühlten sich so an, als erschien ich nur zum Training, um den Erwartungshaltungen gerecht zu werden. Selbst meine Mutter machte mir Druck, regelmäßig zum Sport zu gehen, weil ich ja „zu dick“ sei. Es machte keinen Spaß mehr. In der Mannschaft war ich fast die einzige, die unsere Spiele nur als das sah, was sie waren – Spiele. Nach sechs Jahren hörte ich auf. Mit sehr schlechtem Gewissen. Ich hatte das Gefühl, die Mannschaft im Stich zu lassen – ich, die sowieso nicht lange bei den Spielen eingesetzt wurde – und fand es danach unangenehm, meinen ehemaligen Teamkolleginnen im Alltag über den Weg zu laufen. Nicht bei allen, aber bei einigen.

Als ich nach Freiburg zog, fing ich bewusst erst gar nicht damit an, fest bei aktivistischen Gruppen zuzusagen. Einzig der Fachschaft verpflichtete ich mich. Doch der Aktivismus außerhalb des Internets fehlte mir schnell. Ich vermisste es, mit politisch Gleichgesinnten rumzuhängen, mich für Projekte zu engagieren, die mir wichtig waren, und einfach mitzuwirken. Erst einige Monate bevor ich nach Schweden zog, fand ich eine Gruppe, die mir viel von dem gab, was ich brauchte. Die Treffen und Aktionen empfand ich als empowernd.

Mittlerweile habe ich einen besseren Draht zu meinem Körper. Ich merke, wann ich nicht mehr kann. Manchmal traue ich mich sogar, das zu äußern. Es war ein großer Schritt für mich, meinem Dozenten im Winter zu schreiben, dass ich den Anforderungen aus psychisch bedingten Konzentrationsproblemen vielleicht nicht nachkommen kann.
Es ist als freie Autorin für mich auch schwer, Aufträge abzulehnen, weil ich auf das Geld angewiesen bin und Angst habe, für zukünftige Texte nicht in Betracht gezogen werden. Doch es geht nicht nur um Ängste, ich liebe es, zu recherchieren und zu schreiben.
Deshalb nehme ich sie grundsätzlich an und merke in letzter Linie, dass ich mich um ein Vielfaches übernommen habe. Bisher habe ich es genau ein Mal geschafft, dies zu formulieren und der Redakteurin zu sagen. Sie reagierte verständnisvoll und gab mir nicht das Gefühl, dass ich etwas falsch gemacht hätte.

Mental Health wird zu einem immer wichtigeren Thema, das spüre ich in meinem Umfeld und auf Diskussionen. Aber sind alle so sensibilisiert auf dieses Thema?
Vor allem bei Gruppenprojekten wie dem Theater, in dessen Kostümgruppe ich aushelfe, oder beim Sport bin ich verunsichert, ob ich mit dem ganzen Uni- und Arbeitsstress, dem Aktivismus und meinen sich abwechselnden Depressions- und Manieschüben fähig bin, mich zu verpflichten. Ich will es, ich will es so unglaublich gern. Ich habe nur die Befürchtung, dass ich mich in schwierigen Zeiten nicht dazu bringen kann, ehrlich zu sagen, dass mir alles über den Kopf wächst. Diese Angst hält mich zum Beispiel davon ab, endlich mit Roller Derby anzufangen. Ich hab so unglaublich Lust drauf, diesen Sport zu machen und in einer Mannschaft zu spielen. Gleichzeitig will nicht ständig das Gefühl haben müssen, egoistisch zu sein und das Team in Stich zu lassen, weil ich es zum Training nicht schaffe. Und überhaupt, wie viel Belastung ist gewöhnlich? Wie viel Zeit für mich darf ich mir überhaupt nehmen?

Das andere Problem mit Teamverantwortung ist, dass ich seit über einem Jahr nirgendwo länger als ein halbes Jahr lang lebe. Zumindest nicht ununterbrochen. Wie kann ich mich denn für etwas verpflichten, wenn ich jetzt schon weiß, dass ich in zwei Monaten über alle Berge bin? Was bedeutet „Teamfähigkeit“?

Und just in diesem Moment dürfte ich eigentlich gar nicht schreiben, sondern müsste mich um Unilektüre kümmern. Diese Gedanken jagten mir bloß seit so langer Zeit durch den Kopf, jetzt lasse ich sie mal heraus.

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Eine Antwort to “Zwischen Team- und Selbstverantwortung: ein paar Gedanken”

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  1. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Interventionen, Männlichkeiten und Batgrrrls – die Blogschau - 2. November 2013

    […] tea-riffic mach sich Heng Gedanken über Team- und Selbstverantwortung. Wie viel Team­verantwortung ist gut, so dass die eigenen Interessen und Wünsche nicht zu sehr in […]

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