#IsJaIrre

24 Okt

Als seien psychische Störungen nicht schon einschränkend und kraftraubend genug, werden Betroffene oft und gerne diskriminiert. Aufmerksamkeitshunger, Genuss in der Opferrolle, Hysterie und das Folgen eines Trends wird ihnen von Angehörigen und Fremden vorgeworfen.

Dann ist da diese Popkultur und das Internet, wo Depressionen zu einer quirky Eigenschaft romantisiert werden. Wer depressiv ist, hat Edge. Wer sich umbringt, ist ein_e Märtyrer_in einer Generation – oder egoistisch. Beide Pole werden vertreten.

Darüber gesprochen und geschrieben wird schon lange. In Form von Prosatexten (von Salinger über Sylvia Plath bis zu hin Kathrin Weßling), Blogeinträgen und Tweets.
Verschiedene Formen von Unterdrückung thematisieren dieses Jahr ihren Alltag und kennzeichnen ihn mit einem einheitlichen Hashtag. #Aufschrei gegen Sexismus, #SchauHin gegen Alltagsrassismus, #NudelnMitKetchup gegen Klassismus. Sie wechseln einander nicht aus, sondern existieren neben- und oft miteinander.

Deshalb dachte ich, dass die zahlreichen Einträge über den Scheiß, den eins sich mit psychischer Störung im Alltag geben muss, mit Hilfe eines Hashtags sichtbarer gemacht werden können. Das Tabu, über dieses Thema zu sprechen, soll gebrochen werden. Asthma, Diabetes, Depressionen, Schilddrüsenunterfunktion, Bipolarität: Fehlfunktionen des Körpers, kein Grund zur Scham.
Das Schöne daran, diese Inhalte mit einem Hashtag zu kennzeichnen, ist, dass diejenigen, die sich getriggert fühlen, #IsJaIrre muten können. Die Suche nach diesen Einträgen ist jetzt ein bisschen einfacher, Gleichgesinnte können diskutieren, nicht-Betroffene lesen und realisieren, was hier schief läuft. Vorgeschlagen wurde der Name übrigens von @FrolleinPunkt. Den negativ besetzte Begriff „irre“ eignen wir uns als empowernde Selbstbezeichnung an.

Was verändert werden muss:
Die ableistische Sprache („Voll gestört!“ – „Das ist voll die verrückte!“ – „Der ist übelst krank.“), die Stigmatisierung, die Relativierung, das Unverständnis, die Diskriminierung, die Romantisierung, die Entmündigung.

Gleichzeitig gibt es natürlich nicht nur Arschlöcher, sondern auch viele Sueszis da draußen, die sich schön verhalten. Die uns zuhören, unsere Tränen wegwischen oder auch literweise beim Laufen zuschauen. Die nach einer halben Stunde die Party mit uns verlassen, weil wir Panikattacken haben und nicht aufhören können, zu weinen. Die uns in Ruhe lassen, wenn wir Ruhe wollen. Die verstehen, dass wir gerade nicht funktionieren können und auch nicht nächste Woche. Die uns Bilder zeichnen mit dem Schriftzug „It’s alright not be okay whenever you feel like it“. Die uns Kuchen machen und Frühstück und Tee. Die uns umarmen. Die uns zuhören. Die keine unangenehmen Fragen stellen. Die mit uns über die Therapie reden. Dozierende, die Verständnis für die nicht eingehaltene Deadline oder den schlecht geschriebenen Aufsatz haben. All diese Menschen sind #NichtIrre.

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5 Antworten to “#IsJaIrre”

  1. Schirmer Birgit (@SchirmerBirgit) 25. Oktober 2013 um 17:48 #

    Was du nicht kannst, musst du als Herausforderung sehen. Jede Krise ist eine Chance, du musst sie nur annehmen und dich damit konfrontieren. Dabei wäre ich lieber gestorben, als mich zu konfrontieren!

  2. spatzentisch 28. Oktober 2013 um 06:56 #

    „Ja. Ja, das kenn ich aber auch, dass man manchmal so … Ich glaub das hat jeder mal.“

  3. schwarzrund 19. August 2014 um 03:06 #

    Ach EIGENTLICH sind wir doch alle Bipolar – du findest nur keinen gesunden Umgang damit, weil du dich als schwach inszenieren willst #isjairre

  4. schwarzrund 19. August 2014 um 03:09 #

    Hat dies auf rebloggt und kommentierte:
    Heng schrieb über den Sammelhashtag #isjairre, Bipolarität und Menschen, die Allies statt Arschlöcher*innen sind.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Nicht einfach nur traurig – #NotJustSad | Kleinerdrei - 5. Dezember 2014

    […] einem Jahr rief @sassyheng den Hashtag #isjairre ins Leben. Dabei ging es gezielt um die Diskriminierung von psychisch erkrankten Menschen. Wer den […]

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