Teebeutelsprüche – die tägliche Ohrfeige, für die du auch noch 20 Cent gezahlt hast*

21 Nov

„Diese Teebeutel-Kalendersprüche sind so unglaublich passiv aggressiv, dass ich mich manchmal richtig verletzt fühle“, twittere ich gekränkt, als ich um viertel vor elf im Pyjama einen Tee mache und der Beipackzettel mir sagt, dass meine Selbstdisziplin mein „einziger Freund“ sei.

Nicht nur bringt mir dieser Satz vor Augen, dass ich gerade eigentlich in der Bibliothek sitzen und fleißig sein sollte – an diese Tatsache erinnert mich jeder prokrastinatorische Ausflug auf Instagram oder Twitter ohnehin schon -, sondern wird das Gefühl von Einsamkeit im kapitalistischen System verstärkt.

Soll das heißen, dass ich hier nur etwas bin, wenn ich diszipliniert meinem Erfolg entgegensprinte? Na gut, das wussten wir schon, oder?
Ich frage mich aber vor allen Dingen, warum die Selbstdisziplin ein männlicher Freund ist. Schlimmstenfalls auch noch einer, der sich als Allie bezeichnet. Warum kann das grammatische Geschlecht nur dann beibehalten werden, wenn es männlich oder neutral ist? Wäre Selbstdisziplin keine gute Freundin? Soll das heißen, als Freundin wäre sie intrigant und gehässig, als Freund aber ein weiser Mentor? Und wenn meine einzige Freundin schon kein Mensch sein darf, warum dann Disziplin und nicht etwa Self-Love oder Self-Care? „Self-care is your only friend.“ wäre so viel schöner gewesen.

„Du bist nicht nur ein Loser, sondern auch einsam“, haucht mir der Schoko-Chili-Tee mit einem Zwinkern zu, während ich wenigstens versuche, ein paar Seiten Kursliteratur zu lesen. Bis ich aufgebe und diesen Text blogge. Und den Hohn aus der Teetasse in Form eines verächtlichen Lachens hören kann. „Was hab ich gesagt? Disziplin. Sie fehlt dir.“ Ein Teufelskreis.

Wer verfasst diese Sprüche eigentlich? In meinem Kopf ist es eine weiße, in neureichen Vororten lebende Fußball-Mama, die morgens ihre beiden Söhne im Range Rover zur Schule fährt, mit dem Golden Retriever durch den Park joggt, vormittags zum Pilates geht, zum Mittag Gemüse anbrät und ihn mit Joghurt isst und in ihrem Wohnzimmer Stock-Image-mäßige Familienfotos hängen. Während ihre Söhne beim Fußballtraining sind, geht sie zum Yoga und lässt sich für diese Sprüche inspirieren. Diese schickt sie dann an die Teefirma, die ihr dankend einen dreistelligen Betrag für ein Heftchen voll kluger Sätze überweist, denn sie ist ja schließlich eine Frau und sollte dankbar sein, überhaupt Honorar zu bekommen. Macht sie das wütend? Nein, denn: „One, who knows how to enjoy life, does not need riches.“ 
Ganz Amanda-Palmer-mäßig findet sie, dass den Unterdrückern keine Wut oder Hass entgegengebracht werden sollte, sondern Liebe und Verständnis und Fürsorge. Hass kann nicht mit Hass bekämpft werden, findet sie. „Glück ist, Dinge so zu nehmen, wie sie sind.“ 

Das Patriarchat verbietet ihr, ihre sonnige Fassade durch negative Gefühle überschatten zu lassen. Wut ist ein Gefühl derer, die es nicht besser wissen, deshalb wird alles runtergeschluckt. „Unendlich schönes Licht strahlt durch ein unendlich schönes Selbst.“ Der perfekte Spruch für den verkaterten Sonntagmorgen. Jedes Anzeichen der Frustration verdrängt sie mit einem optimistischen „Freude ist die Essenz des Erfolgs.“ Mehr Freude. Mehr Freude. Mehr Optimismus.

Bei solchen Unterdrückungsmechanismen ist es plausibel, dass diese Sprüche mit passiver Aggression und Zynismus geladen sind. „Fick dich doch selber“ ist meiner Meinung nach trotzdem eine angemessene Reaktion. Vor allem dann, wenn sie sich an das System richtet.

Übrigens las ich eben gerade, dass Margarete Stotowski zu genau diesem Spruch eine wunderbare Kolumne schrieb. (Ich wusste schon, bevor ich diesen Text schrieb, dass der Artikel existiert, wir unterhielten uns sogar über Twitter über diese Teebeutel. Dass es aber genau dieser Spruch war, hatte ich nicht im Kopf.) Weil sie so super ist, möchte ich mit einem Zitat aus ebendieser Kolumne aufhören. Und den Kreis thematisch schließen, wie mein Yogiteebeutel es bestimmt schön fände.

Neulich morgens sagte mein erster Tee des Tages: „Deine Selbstdisziplin ist dein einziger Freund.“ Das ist hart. Wer schreibt so was? Einem Menschen, der gerade aufgestanden ist, darf man nicht sagen: „Du hast auf der Welt nur einen Freund und den gibt es nicht mal.“

*Eine Schachtel Yogitee mit 15 Beuteln kostet im Normalfall 2,99€. Das heißt, 20 Cent pro Beutel. 20 Cent pro Demütigung. Aber es könnte schlimmer sein: In Schweden sind’s 5€. Zum Glück wurden sie mir zum Geburtstag geschenkt. (Ob die passiv aggressiven Sprüche auch ein absichtlicher Teil des Geschenkes waren?)

Advertisements

4 Antworten to “Teebeutelsprüche – die tägliche Ohrfeige, für die du auch noch 20 Cent gezahlt hast*”

  1. diemacherin 22. November 2013 um 11:44 #

    Da habe ich wieder und wieder versucht, zu liken, aber irgendwie klappt das nicht. Deshalb hiermit höchst schriftlich und persönlich: I do very much like. Danke und so.

  2. Michaela 26. November 2013 um 22:25 #

    Du hast soviel Hass und Einsamkeit in Dir.
    Ein Teebeutelspruch als patriarchaische Unterdrückung?
    Du wirst noch lange eine Psycholoigien brauchen.

  3. kinchkun 6. Dezember 2013 um 07:34 #

    Hey,

    ich bin über die #deinEx Sache zu dir gekommen. Am Anfang konnte ich dich ja gar nicht leiden, aus diversen Gründen. Aber nachdem ich jetzt einige Sachen hier gelesen habe, muss ich meine Meinung deutlich berichtigen.

    Ich finde, du schreibst sehr gut und deine Kritik sticht. Insbesondere dieser Artikel finde ich toll. Ich hoffe daher, dass du deinen Autorinnen-Berufswunsch wirst umsetzen können.

    Grüße
    Kinch

Trackbacks/Pingbacks

  1. Gesucht: schöne Sprüche für Tee-Schildchen | immer existent - 23. November 2013

    […] oder mich gefreut. Allerdings waren oft welche dabei, die ich komplett bescheuert fand. Nachdem Heng sich grandios über diese Schildchen aufgeregt hat, habe ich mich nun gefragt, was eins denn lieber […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: