Eure Holocaust-Analogien sind verachtenswert

24 Nov

[TW: Beispiele, in denen der Holocaust relativiert wird.]

Neulich bekam ich mit, wie ein Typ mal wieder Feminismen mit dem Nationalsozialismus verglich. Hintergrund war, dass er sich bei der FLIT*-Regelung (d.h., dass etwas für Frauen, Lesben, Intersexuelle und Trans*personen  offen war, aber eben nicht für Cis-Männer) ausgeschlossen gefühlt hat. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, fand er. Wie anstrengend es ist, dass Typen nicht akzeptieren können, dass sie nicht überall mitmischen können und Safer Spaces gerne ohne sie sein möchten, ist die eine Sache. Was mich viel mehr nervt, ist dieses ständige Vergleichen mit dem Holocaust.

Nicht nur im anti-feministischen Gebrauch kommt er vor: Feminist_innen werden gern als Feminazis beschimpft. Noch übler finde ich aber, dass der Begriff von einigen von zu reclaimt versucht wird. „Nazi“ ist kein Begriff, der eine neue, empowernde Bedeutung bekommen sollte. „Nazi“ sollte für immer an den Genozid und die menschenverachtende Ideologie aus Deutschlands 20. Jahrhundert erinnern. Ich möchte später jüngeren Menschen nicht erklären müssen, dass Feminazis feministische Aktivist_innen sind und der Ursprung aus dem 20. Jahrhundert von politischen Aktivis- what?! Merkste selbst, ne?

Abgesehen davon, dass diese Analogie nicht einmal ansatzweise passend gewählt ist, relativiert er den Holocaust. Er impliziert, dass es eine Gruppe von Menschen war, ja eher die Minderheit, die durch Radikalismus das System bestimmt und Schuld an diesem Verbrechen war.
Ich kann mich nicht daran erinnert, von feministisch Motivierten Völkermorden gelesen zu haben.

Dass FEMEN von vorne bis hinten ein fragwürdiger Laden ist, möchte ich gar nicht bestreiten. Vielmehr bekräftigen sie dies immer wieder selbst. Sexwork – ganz allgemein, egal ob in Form von Menschenhandel oder selbst gewählter Lohnarbeit – stellen sie ebenfalls auf gleicher Stufe wie den Holocaust. (Ausgehend von der Tatsache, dass in den Mainstreammedien Feminismus Alice Schwarzer und FEMEN ist, wundert es mich nicht, dass dem Feminismus Antisemitismus vorgeworfen wird.)

Pro-Life-Propagandist_innen schwören darauf, diese  Gegenüberstellung auch mit Abtreibung zu betreiben. Hitler, der unter anderem Millionen von Menschen umbringen lassen hat (nachdem sie unter den widerlichsten Bedingungen gequält und gedemütigt wurden), und Menschen, die Samen-Eizellen-Plörre aus ihrem Körper holen lassen, begehen demnach auf dieselbe Art Mord.

„Für den guten Zweck“ gibt es noch mehr unreflektierte Aussagen mit gleichem Effekt. Tierrechtsaktvist_innen vergleichen Massentierhaltung gerne mit dem Holocaust. Meine, ähm, Lieblinge von PETA verwendeten 2003 in ihrer Kampagne „Holocaust on Your Plate“ Bilder aus Konzentrationslagern und stellten sie auf dieselbe Ebene mit den Kulissen der Tierindustrie. (Die Bilder könnt ihr hier finden. Aber TW: Bildmaterial aus der NS-Zeit.)

Uneingeschränkt als Held glorifiziert und selten in der linken Szene hinterfragt (und das, obwohl er häufiger nationalistisch auffiel) ist der Musiker Morrissey, ehemals Kopf der britischen Band The Smiths. Er fand nicht nur, dass zwischen der Herstellung von Lederwaren und Genozid differenziert werden müsse. Außerdem sei Hitler wenigstens noch nett zu Hunden gewesen. (Ich weiß auch nicht, warum weiße Europäer_innen die Moral von Menschen danach messen, wie sie sich gegenüber von Hunden verhalten.)
Auch der rechtsradikal motivierte Massenmord in Norwegen vor zwei Jahren sei nichts im Vergleich zu dem, was täglich in der Fast Food Industrie passiere.

Natürlich ist es grausam, wie Tiere in dieser Gesellschaft wie Ware behandelt werden, Schmerzen und Leid ausgesetzt sind, und das ganze auch noch als „natürlich“ verkauft wird. Trotzdem ist es respektlos und deplaciert, dies auf dieselbe Ebene wie den Holocaust zu setzen. Erst Recht, wenn es von weißen Christen angestoßen wird.

Wisst ihr, in welchem Kontext Holocaust-Vergleiche angebracht sind? Richtig: Gar nicht. Nie. Nirgends. Also hört bitte auf, dort Parallelen zu ziehen, wo keine sind.

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10 Antworten to “Eure Holocaust-Analogien sind verachtenswert”

  1. kuttnae 24. November 2013 um 15:39 #

    Danke Heng! Danke, danke, danke!
    Gerade zum zuletzt angesprochenen Thema hab ich mich schon so oft aufgeregt und wundere mich jedes mal wenn Leute partout nicht verstehen dass Holocaust-Vergleiche echt nicht angebracht sind.

  2. Lea 24. November 2013 um 17:08 #

    „Feminazi“ & „Veganazi“ bin beides schon oft genannt worden. Ist glaub ich einfach eine sehr gesehene art um zu sagen „du bist das schlimmste was ich mir überhaupt nur vorstellen kann“. Erinnert mich aber auch daran, dass so 2004/2005 es ne zeit lang mal „ok“ war „Indienazi“ zu Leuten zu sagen, die keine Mainstream musik mochten. Was geht da nur durch den Kopf von Menschen wenn sie denken, dass das okay ist? … Wahrscheinlich nicht viel.

    Zum Holocaust/Tiere ding. Ich hasse Peta ja eh schon für viele dinge, geschenkt, dass das scheiße ist was die machen. Ich hab da selbst schon mit Leuten gestritten. Ich finde den Mord von nicht-menschlichen Tieren mit dem Mord von Menschen zu vergleichen legitim, ich bin antispeziestin. Ich bin auch Vergleichen zwischen Menschen & Tiermord gegenüber aufgeschlossen. Das Problem beim Holocaustvergleich ist, dass der überhaupt keinen Sinn macht, denn Holocaust bedeutet etwas ganz spezifisches und nicht einfach nur „ganz ganz viele tiere sterben qualvoll“. Es gibt doch so viele Argumente die man bringen kann, wieso muss man die 3. reich-keule hauen?

    Hast du zufällig Coetzees „Das Leben der Tiere“ gelesen? Da wird dieses Thema auch (literarisch) behandelt.

    • henghdf 24. November 2013 um 17:14 #

      Oder Grammar-Nazi gibt es auch so oft. (Musiknazi hab ich, glaub ich, auch schon mal gehört.)

      Ich kann mich in der antispe-Debatte noch nicht richtig verorten, ich hab über die Jahre mehr gelernt und alles. Grundsätzlich esse ich kein Tier, weil es für mich Mord ist und eben aus denselben Gründen, weshalb ich kein Menschenfleisch essen würde.
      Aber ja, wie du schon sagst, Holocaust ist nicht einfach nur „viele Menschen sterben qualvoll“.
      Das Buch hab ich noch nicht gelesen, ich merke es mir aber auf jeden Fall!

  3. VNG 25. November 2013 um 15:29 #

    Ganz meine Meinung!

  4. Matze 25. November 2013 um 15:43 #

    …und noch dazu auch falsch.

    Ich benutze in der Schule immer Kommunismus-Analogien, da die Kommunisten weitaus mehr Menschen ermordeten und länger gewirkt haben als die Nationalsozialisten.

    • nora 3. Dezember 2013 um 11:29 #

      Hast du den Artikel oben überhaupt gelesen? Dann gibt es zwischen Realsozialismus (das was du als „die Kommunisten“ benennst, was zeigt wie wenig du dich mit der Materie auskennst) und Nationalsozialismus ein paar ganz gravierende Unterschiede, die letztlich dazu führen das dieser Vergleich ebenso holocaustrelativierend ist wie die anderen oben. Etwa den kleinen Fakt das Lenin, Stalin, Mao und Konsort*innen im Gegensatz zu der Ideologie handelten, die sie zu vertreten vorgaben während die Nazis ihrer treu bleiben und sie eins zu eins umsetzten. Oder den, dass die angeblichen Millionenopfer „des Kommunismus“ auf dutzende grundunterschiedliche Systeme, Bewegungen, Überzeugungssysteme zurückgehen die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und das ein großer Teil der von diesen Regimen verfolgten Menschen selbst überzeugte Kommunist*innen waren.
      Buchempfehlung für dich: „gestern morgen“, Bini Adamscak, edition assemblage, Münster

  5. pantalaemon 26. November 2013 um 13:21 #

    Gleichsetzen-nicht angemessen-aber wie kann man es nennen, dass Leidens- empfindungs, Gefühlsfähige wwesen zu Milliarden im Jahr für die Vernichtung geschaffen, gequält, verdinglicht wird weil sie aus ihrem Sein heraus dem Macht-habenden Menschen minderwertig gemacht werden?
    Es hat alles mit Macht zu tun-die Macht der Stärkere, aus ihrer ‚Art‘ heraus.
    Für mich geht es um Leidensfähigkeit, ggf um Notwendigkeit(daher keine festen Kriterien)
    Für mich ist das Mord-töten aus niederen Beweggründen, weil man es kann, weil die Wesen wehrlos sind( der ganze Menschenrechtliche Kram mit Hunger & Paramilitärs in Brasilien nicht zu vergessen..

    Natürlich ist es nicht das gleiche-Mensch ist kein Tier-aber ich wehre mich gegen die Idee, dass ein Tier inhärent weniger wert ist weil es Tier ist.
    Die Entmenschlichung ist ja gerade deshalb für mich so problematisch weil „das Tier“ weniger wert hat/ ihm weniger Wert zugesprochen wird.

    Und Hitler war auch nur Tierfreundliche sofern es nicht wider seine Ziele ging-sofern Tierversuche o Ä kriegstauglich waren hat er das natürlich auch genutzt.

    Für mich kann veganismus nur anti * istisch sein, weil kyriarchy grundsätzlich falsch und problematisch ist, egal wer/was das Opfer ist und warum das Machtsubjekt nun meint, diese Macht auszuüben.

    Hast du da Ideen für eine Wortwahl die Machtkritisch ist ohne die hmn ‚einzigartigkeit‘ der Genozide abzuwerten?

    • nora 3. Dezember 2013 um 11:32 #

      Wie wäre es damit Sachen einfach als das zu benennen was sie sind, anstatt zwanghaft Analogien ziehen zu müssen?

  6. Dude 22. September 2014 um 00:40 #

    Es geht nicht darum die begangenen Verbrechen zu vergleichen, was sowieso kaum bzw. gar nicht möglich ist, sondern die Moral (bzw. fehlende Moral) die zu den Verbrechen geführt hat, nämlich dass eine Gesellschaft für sie geltende Werte und Rechte formuliert und beansprucht, diese einer bestimmten Gruppe (z.B. Juden, Frauen, Tieren) aus rein eigennützigen Motiven (z.B. Hass, Sex, Fleischkonsum) inkonsequenterweise aber nicht zuerkennt.
    Es geht dabei viel mehr um „mich“ (bzw. dich) und wie „ich“ (bzw. du) als Zeuge des Verbrechens darauf als moralisches Wesen reagiere und nicht direkt darum ob es richtig oder falsch ist Juden zu vergasen/Frauen zu entrechten/Tiere zu schlachten und in welchen Größenordnungen dies stattfindet.
    Eine Zitat von Adorno dazu lautet: „Auschwitz beginnt da, wo einer im Schlachthaus steht und denkt, es sind ja nur Tiere“.
    Es gibt durchaus auch bekannte Juden die den Vergleich nicht scheuen wie z.B. Peter Singer, Isaac Bashevis Singer oder Edgar Kupfer-Koberwitz (selbst Holocaustopfer).
    Ich persönlich bin aber auch kein „Fan“ von Holocaust-Vergleichen.

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  1. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Selbstpositionierung, Selbstfürsorge und Erinnerungen an einen Bruder – die Blogschau - 25. November 2013

    […] Tea-Riffic schrieb nochmal darüber, warum Holocaust-Analogien absolut gar nicht gehen. […]

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