Einfach nicht trinken, einfach nicht knutschen

15 Apr

Bis ich 20 war, lebte ich straight edge. Für mich bedeutete es der Verzicht auf Alkohol, Nikotin und andere Drogen sowie romantische_sexuelle Exklusivität und Vegatarismus_zeitweise Veganismus. Wichtig für mich war es jedoch zu betonen, dass all dies nicht aufgrund meines früheren muslimischen Backgrounds_meiner muslimischen Familie sondern aus eigener Entscheidung stattgefunden hat, weil ich es satt hatte, als bevormundetes Middle Eastern Girl zu gelten.

Die Gründe für meine Enthaltsamkeit waren für mich sehr logisch. Einerseits empfand ich den exzessiven Konsum von Drogen, Fleisch und Sex als destruktiv, andererseits auch als ein Produkt der kapitalistisch-patriachalen Gesellschaft. Missstände wurden durch als entspannend empfundene Praktiken wie dem Rauchen schwächer wahrgenommen und waren eher ertragen. Für mich waren diese Dinge mit Rape Culture, einer Leistungsgesellschaft und einem Marionettenstaat verknüpft, da die Wut selbst in aktivistischen Zusammenhängen eher zum Partymotto als zu tatsächlicher Veränderung wurde.
Zusätzlich hatte ich ein schwieriges Verhältnis zu meinem Körper, in dem der Gedanke an Kontrollverlust mich eher verängstigte als mich zu reizen. Betrunkene, aggressive Macker auf Partys, von Bier mobilisierte Fußball-Fans (nicht nur während der WM_EM) und Angehörige_Bekannte mit Alkohol_Drogenproblemen machten es mir nicht appetitlicher.

Weshalb ich nicht auf all das verzichtete, war das Hineinpassen in die patriarchale Vorstellung eines reinen_unschuldigen Mädchens. Meine Verweigerung der Betrunkenheit war keine Ausführen des „Lass dich nicht v*rg*w*lt*g*n!“-Appells, denn mein Interesse an Sexualität war ohnehin nicht stark_vorhanden. Ob nüchtern oder betrunken, ich würde mich von angrabenden Typen sehr unwohl fühlen.

Obwohl ich diese – auch im Nachhinein für mich sehr schlüssigen – Gründe mehrfach auf die Frage zu meiner Entscheidung erwiderte, stellte ich zu oft fest, dass bis auf den Vegetarismus_Veganismus meine Motivation auf eine religiöse Ebene gesetzt wurde, die für mich überhaupt nicht relevant war. Es mag zwar sein, dass ich Zuhause nicht die Möglichkeiten hatte, betrunken oder mit One-Night-Stands im Schlepptau heimzukommen, aber es grenzte meine Entscheidungen nicht ein. Ich verspürte damals schlicht keinen Drang danach.

Während meines Studiums gab ich nach und fing an, Einiges nachzuholen, weil mir das Gefühl gegeben wurde, Dinge verpasst zu haben und deshalb auf einer emotionalen Ebene nachzuhinken, was natürlich Unsinn war. Ich leistete gegen die Alkohol- und Sexualisierungsnorm keinen Widerstand mehr, weder auf Partys, noch sonst so. Ich tue mir allerdings schwer dabei, es insgesamt als befreiend zu bezeichnen, da sich mit den Jahren Vieles für mich geändert hat, so wie es beim Älterwerden eben ist. Self-Love und Body-Positivity, das Ablegen vieler internalisierten Mechanismen wie der Illusion einer disziplinierten_selbstkontrollierten Frau* und Monogamie als Praktik der Reinheit (Reinheit auch hinsichtlich negativer Energien, die von Typen ausgestrahlt wird) sowie die neuen Wohnsituationen (nicht mehr bei den Eltern, eigenes Zimmer, nicht mehr in der Kleinstadt, bessere Anbindungen öffentlicher Verkehrsmittel) baten neue Voraussetzungen an.

Ich fühlte mich befreiter, aber das ist nicht der Polyamory oder dem Alkohol_Drogenkonsum geschuldet, dazu gehört viel mehr Arbeit und Auseinandersetzung mich sich selbst. Ich beobachte nun aber auch Dinge, die ich damals schon für kritikwürdig hielt, aus einer neuen Perspektive.

Jedes gesellschaftliche Zusammenkommen wird als Anlass für Alkoholkonsum gesehen, egal ob alle Anwesenden tatsächlich Lust auf Bier haben oder nicht. Biertrinken als soziale Praxis und als Norm fürs gelungene Abhängen findet nicht nur samstags auf Partys oder in der Kneipe, sondern auch unter der Woche beim Plenum, im Park oder Zuhause statt. Ich will hier niemenschen absprechen, dass es Spaß macht, Alkohol zu konsumieren und dass das Betrunkensein kein schönes Gefühl sei – ich habe es auch oft als super empfunden. Dennoch ist oft eine gewisse Erwartungshaltung da.
Es fällt mir bloß auf, dass seit einigen Wochen in meinem Umkreis vermehrt darauf hingewiesen wird, reflektierter mit Alkohol umzugehen. Drogenfreie Räume als Safer Spaces werden geschaffen, für mich ist es überhaupt revolutionär, dass die Benennung einer Alkoholnorm stattfindet.

Die Sensibiliserung setzt sich auch hinsichtlich der sexualisierten Stimmung auf Partys fort. Zu einer guten Party scheint es dazugehören, zumindest ein bisschen zu Knutschen oder zu Flirten. Auch das kann viel Spaß machen, wenn es mit Konsens stattfindet. Trotzdem werden Normen wie die romantische_sexuelle Zweisamkeit und die sexuelle Offenheit auf Festen reproduziert. Es ist schon okay, nicht zu knutschen, aber es ist schon ein bisschen komisch, wenn du nur tanzen oder in der Ecke sitzen möchtest. Dieser gewisse Punkt, an dem 98% der Feiernden in Knutschszenarien verwickelt sind, wird auf vielen Partys erreicht, ich erlebte ihn sowohl aus der Seite der 98% – irgendwie sehr Kontrollverlust auf eine positive Art, aber auch sehr befremdlich_unangenehm, ein Teil dieser Masse zu sein – als auch (und zwar viel öfter) aus der 2%-Perspektive – ausgrenzend, unangenehm, „Irgendwas stimmt mit dir nicht und du kannst jetzt auch mit niemenschem tanzen, weil alle, die du kennst, beschäftigt sind“.

Ich nehme wahr, dass in meinem Umfeld Menschen beginnen, mit diesen beiden Normen zu brechen und ich finde es sehr schön. Gleichzeitig denke ich darüber nach, wer einfach so mit diesen Normen brechen kann und wer nicht. Wessen Enthaltsamkeit ist (positiv) politisch zu verstehen und wessen wird Tabuisiert_als Unterdrückung fremdbezeichnet?
Während das Straight-Edge-Sein an einigen als edgy Merkmal gefeiert wird, können andere ihre Nüchternheit nicht ohne unangebrachte Rückfragen offen zeigen. Wenn es nicht gerade von Außen auf eine ganz rassistisch auf eine religiöse_kulturelle Ebene gehoben wird, kann es auch schön stigmatisierend stattfinden. Wer nicht trinkt, hat bestimmt mal ein Alkoholproblem gehabt oder ist auf Psychopharmaka und kommt in die „BLOSS NICHT DRAUF ANSPRECHEN ABER UPS JETZT HAB ICH’S DOCH GEMACHT HEHEHEHE AWKWARRRRD“-Schublade. Davon abgesehen, dass es Menschen nichts angeht, weshalb eins Drogen nimmt oder nicht, macht das Reproduzieren der Alkoholnorm die Sache nicht angenehmer.

Als ich anfing, Medikamente zu nehmen und es mir ohnehin nicht gut ging, verzichtete ich ein paar Monate lang auf Alkohol. Ob denn Wodka in meiner Club Mate sei, wurde ich gefragt. Ob ich’s nicht langweilig auf der Party finde, wenn alle zu sechs auf der Toilette weißes Pulver schniefen und ich so ganz „come as you are“-mäßig ankomme. Ich hatte keine Lust, fremde Menschen über meine psychische Gesundheit aufzuklären. Ich fragte mich vielmehr, ob es nicht pathetisch ist, dass für sie keine einzige Party nüchtern auszuhalten zu sein scheint. Ich schluckte die Frage.

Was das Knutschen anbelangt, so werden queere Partys für einige auch zu den einzigen Räumen, in dem öffentliches Ausleben der Sexualität sicher möglich ist. Es spielt gar nicht immer eine Rolle, mit wem eins knutscht, sondern wie der eigene Körper aussieht, wenn es um Safer Spaces geht. Manche Körper sind ohnehin schon übersexualisiert oder desexualisiert, sodass nicht alle Räume die nötige Sicherheit geben können. Wer könnte auf der Straße die Person beim Händchenhalten sehen, inwiefern könnte es Probleme für die Person bereiten, wie hoch ist die Gefahr, während_aufgrund der Performance zum Opfer von Street Harassment zu werden?
Auf überwiegend heterosexuellen_weißen Partys wiederum sind vielleicht genau diese 2% von Unterdrückung betroffen. Oder sie knutschen doch.

Es wäre zu leicht, diese Normen mit „einfach nicht mehr trinken“ und „einfach nicht mehr knutschen“ als gebrochen zu verstehen. Ich weiß selbst nicht, ob ich auf diese Dinge endgültig und ausnahmslos verzichten möchte. Mir würde es schon reichen, wenn ich sie dann praktizieren könnte, wenn ich wirklich möchte, und nicht, weil es von mir erwartet wird_weil es „zu einem guten Abend dazugehört“.

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