Childhood made of plastic, it’s fantastic

30 Jul

Gierig nahm ich als Kind alles in mich auf, was von Erwachsenen so erbost als Gift gelabelt wurde. Morgens schon mal Elmex statt Aronal, direkt im Anschluss Gummisüßigkeiten in schrillen Farben, nach der Schule in der Mikrowelle aufgewärmtes Essen, das ich mich hineinstopfte, während ich mit großen Augen auf den Bildschirm unseres Fernsehers starrte. Nachmittags RTL2, abends SuperRTL.

Statt schlauer Sachbücher las ich Comics über andere Mädchen mit Superkräften, ich wäre gern eine von ihnen, aber ich würde mich eh nicht trauen, so kurze Röcke zu tragen.

Werbesendungen stachelten meine Gier nur weiter an. Die weißen, schlanken, blonden Mädchen hatten schöne, lange, glatte, glänzende Haare, trugen von mir grenzenlos begehrte Kleidung und spielten mit Plastikteilen, die mein Herz zum Rasen brachten. Der künstliche Geruch von Puppenhaar, das Gefühl kalten Plastiks auf meiner Haut, der raschelnde Klang von Polyesterkleidung und diese aufgemalten, eisblauen Augen sprachen mich stärker an als alle Tierbabyposter dieser Welt.

Nicht auf der Pferdeweide, sondern zwischen den prall gefüllten Regalen der Karstadt Spielzeugabteilung fühlte ich mich Zuhause. Jeden Samstag verbrachte ich dort, während meine Mutter Porzellan und reduzierte Kleidung durchwühlte. Schachtel um Schachtel hielt ich in meiner Hand, tastete die dicke Pappe und die spitzen Ecken der Verpackung ab. Nur eine transparente Folie trennte mich von meiner potenziellen besten Freundin. Sie würde über meinen dicken Körper nicht urteilen, meinen komischen Namen nicht falsch aussprechen, meine billige Kleidung nicht ins Lächerliche ziehen. Manchmal waren eingeschnittene Löcher an der Verpackung, sodass eine_r reingreifen und auf Knöpfe drücken konnte. Sich davon überzeugen konnte, dass dieses Stück Plastik wirklich so fabulös war, wie die Werbung es versprach.

Ein Haustier blieb mir verwehrt. Dafür schenkte mir eine Schulfreundin Luna, Sailor Moons lila Katze, als Stofftier. Luna wurde zu meinem Haustier. Ich führte Luna mit einer Leine durch unsere kleine Wohnung. Täglich füllte ich eine Untertasse mit Choco-Pops oder anderen Zuckerflocken, die ich selbst zu Abend aß, und stelle sie Luna hin. Luna aß ihre Snacks genau so gerne wie ich. In Stunden der Lethargie lag ich mit Luna im Arm auf meinem Bett. In der norddeutschen Stadt war es ständig kühl, grau und nass. Das war nicht schlimm, wir blieben ohnehin lieber zu zweit in meinem Bett. Bis wir irgendwann getrennt wurden. Ich denke heute noch oft an Luna.

Es fühlte sich empowernd an, mit meinen Plastikspielzeugen zu spielen. Sie brachten mich den Mädchen aus der Werbung näher. Unsere Zimmer sahen unterschiedlich aus, unsere Körper auch, aber wir besaßen beide diese eine Puppe mit dem übergroßen Kopf. Was war schon Natürlichkeit in einem System, in dem ohnehin nichts naturgegeben war?

Wenn ich meine Augen schloß, dachte ich an glitzernde Sticker oder solche, die mit Stoff überzogen waren. Ich dachte an süßlich duftendes Plastikpferdhaar, an metallisch glänzende Outfits meiner Puppen und daran, eines Tages auch so fabulöse Kostüme tragen zu dürfen_können.

Ich steckte meine dicke Hand in das enge Loch meiner Spardose, die ein Porzellanbär war. Hartes Münzen fischte ich heimlich und verschämt raus, als würde ich stehlen. Dabei war es mein eigenes Geld. Wenn ich alleine Zuhause war, hing mein Schlüsselbund an meinem Hals, ich verließ die Wohnung und ging zur Videothek im Wohnviertel. Ein Mal im Monat durfte ich mir eine Videokassette ausleihen. Aber ich war dort häufiger. Ich war dort und kaufte mir Eis aus der Kühltruhe, Schokolinsen aus dem Automaten und Schokoriegel an der Kasse. Im Zuckerrausch verschlang ich meine Beute und lag danach träge auf dem Sofa. Das schlechte Gewissen holte mich schneller ein als das Blut wieder mein Hirn durchströmte.

Plötzlich fiel mir ein, dass meine Puppen und ich verschiedene Körperproportionen hatten. Mir wurde klar, dass die coolen Girls im Fernsehen zwar Superprinzessinnen oder Tomboys sein konnten, aber immer schlank und sportlich waren. Ich konnte nicht verdrängen, was ich von Erwachsenen und anderen Kindern zu hören bekam: Nämlich, dass mein Körper nicht so sein durfte, wie er war.

Panisch setzte ich mich in mein Zimmer. Ich ließ meine Puppen miteinander spielen. Sie hatten sich wenig zu sagen in diesem Moment. Die Vertrautheit war zerbrochen, wir waren nicht mehr unter uns. Mir wurde bewusst, wie die Außenwahrnehmungen zu meinem Körper aussahen. Ganz anders, als ich ihn einschätzte. Meine Plastik-Parallelwelt, die ich mir so mühevoll aufgebaut hatte, schützte mich nicht mehr länger, weil sie von anderen kaputtgetreten wurde. Mit Worten und mit körperlichen Übergriffen.

Ich schaltete den Fernseher an. Es lief „Oggy und die Kakerlaken“. Die Sendung langweilte mich, nein, schlimmer, sie machte mich aggressiv. Meine schlechte Laune schnürte sich wie ein fesselndes Band um meinen dicken Bauch. Dieses drückende Gefühl erkannte ich wieder. Es war das Gefühl der Angst. Weder meine Plastikspielzeuge, noch das Nachmittagsprogramm konnten diese Ängste kompensieren. Obwohl sie es immer konnten, konnten sie es jetzt plötzlich nicht mehr.

Ich ging in die Küche, füllte eine Schale mit bunten Zuckerflocken in Ringform voll und goss Milch drüber. Den Geschmack von Kuhmilch mochte ich nicht sonderlich gern, aber wenn die weiße Flüssigkeit den süßen Geschmack der Zerealien aufnahm, konnte ich sie ertragen.

Hektisch schaufelte ich mit einem Plastiklöffel mein Abendessen in mich hinein. Nach der Hälfte gab ich auf, ich hatte keinen Appetit mehr. Ich brauchte etwas Heftigeres. Zu gern hätte ich meine Schulhefte zerrissen, besonders das Matheheft. Oder das Lesebuch. Dieses Buch war vollgestopft mit Bildern von Kindern, die mir fremd waren. Ich hatte keine Sommersprossen, keinen Vater mit Obstladen, kein Fahrrad, keine Schwimmabzeichen, keinen Garten mit Apfelbaum, keinen Hamster, kein Bastelbuch. Meine Interessen waren nicht im Lesebuch vertreten. Bunte Süßigkeiten essen, Fernsehen schauen, mit rosa Spielzeugen spielen – kein Kind machte das. Stattdessen erlebten sie diese Abendteuer, von denen immer die Rede war. Die filmreifen Plots, die meine Barbies durchlebten, galten nicht als abenteuerlich, kreativ oder anderweitig förderlich für mich. Ich war kein übliches Klischee – oder vielleicht war ich gerade das. Und vielleicht habe ich mich gerade deshalb in keiner Repräsentation wiederfinden können.

Ich fühlte mich wertlos, weil meine Selbstwahrnehmung, gemischt mit Fremdwahrnehmungen und Minderwertigkeitsgefühlen, in meinem Kopf plötzlich so viel Raum einnahm. Ich fühlte mich schäbig, schämte mich für Dinge, für die ich nichts konnte, wie den sozialen Status meiner Familie, meine Herkunft oder meine knollige Nase.

Heute frage ich mich, ob diese negativen Gefühle so krass gewesen wären, wenn Erwachsene und andere Kinder mir nicht so stark in meine Handlungen hineingeredet hättet. Wenn ich einfach hätte sein dürfen. Umhüllt von Plastik, im schäbigen Glanz aller Billo-Produkte dieser Welt.

Jedes Mal, wenn ich durch Zufall den catchy Slogan „Pinkstinks“ lese, überkommt mich Unbehagen. Und ich denke an diese Gefühle, die ich als Kind empfand, weil 1 mich nicht sein ließ.

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Eine Antwort to “Childhood made of plastic, it’s fantastic”

  1. Unsichtbar 31. Juli 2014 um 07:49 #

    Danke für diesen Text.

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