Feuilleton-riffic: FKA twigs

9 Aug

Die letzte Woche war musiktechnisch gesehen mit vergoldeneten Veröffentlichungen geprägt: Erst droppen Beyoncé und Nicki Minaj den ***Flawless (Remix), gestern veröffentlichte FKA twigs ihr erstes Album LP1 und gibt frische Impulse in die Indie-Sphäre.  Jene Fans, die bereits vor zwei Jahren bei der ersten ihrer zwei EPs Blut geleckt haben und seitdem hungrig auf Nachschub warten, rasten genau so aus wie Neuentdecker_innen.

Bild: Promo

Tatsächlich schwirrt die 25-jährige Britin schon lange in der Musikszene. Als Tochter einer Tänzerin beherrscht auch sie ihren Körper als Instrument musikalischen Ausdrucks. Der Spitzname twigs (deutsch: Äste) wurde ihr aufgrund ihrer laut knackenden Gelenke verliehen. Unter dem Namen veröffentlichte sie auch ihre erste EP (EP1), aus urheberrechtlichen Gründen musste sie sich in FKA (formally known as) twigs umbenennen.
Twigs tanzte unter anderem in Jessie J’s Musikvideos „Do It Like a Dude“ und „Price Tag“. Obwohl sie keine großen Rollen bekam, fiel sie auf und wurde auf der Straße als das Mädchen aus dem Video angesprochen. Dies wird in ihrem Lied „Video Girl“ aufgegriffen: Zumal sie damals im Hintergrund agierte, ist der Fokus auf sie nun gestiegen, jetzt gehört die Bühne ganz ihr.

Und die Position steht ihr sehr gut: Bevor ihr erstes Album überhaupt veröffentlicht wurde, verlieh BBC ihr den „Sound of 2014“-Preis. Gegenwart, das beschreibt ihre Musik passend: Wer mit nur zwei EPs die Berghain-Kantine frühzeitig ausverkaufen lässt, trifft den Geschmack genau derer, die sich selbst als musikalische Elite begreifen.

Aufwendige Klangkulissen und eine hohe, fragile Stimme wecken erst einmal Assoziationen an Grimes. Im nächsten Schritt wird dieser mehrschichtige, leicht atmosphärische Sound minimalistischen à la The xx angehaucht. FKA twigs schafft es, unter die Haut zu gehen, ohne typischerweise als episch geltende Instrumenteinsätze einzubinden.
Stattdessen wird mit viel mit Kontrasten gearbeitet: Reizüberflutender Lärm trifft auf Stille, hohe Geschwindigkeit auf langgezogene Töne, Sinnlichkeit auf Mechanismus, Passivität auf Aggressivität und Dunkelheit auf Feenhaftigkeit. Stimmtechnisch wird sie häufig mit Aaliyah verglichen, allerdings distanziert sich twigs stark vom Genre des R’n’B.

Fast schon avant-gardistisch schreibt twigs die Textebene. Dass es viel um Sex und Destruktivität geht, schwingt nicht subtil zwischen den Zeilen mit, sondern äußert sich mehrmals klar. Liebe und Begehren als Motiv in der Popmusik ist alles andere als neu, die Art, mit der twigs diese Themen bedient allerdings schon. Weibliches Begehren – wie breit es auch gefächert sein mag – wird auf ein radikales Level gezogen. In feministischer Manier singt FKA twigs ganz selbstbestimmt und explizit über Körperlichkeit. Lust steht nicht mehr als Euphemismus für Romantik, sondern wird zu Teilen auch als jene hässliche Destruktivität beschrieben, die sie nun mal ist.

Dass eine Frau ihr Begehren so klar und unbeschönigt formuliert ist für so hippe Musik, als die FKA twigs gefeiert wird, sehr ungewöhnlich. Selbstermächtigend ist dieser Teil nicht nur für viele Frauen im Allgemeinen, sondern vor allem auch für Frauen of Color, deren Körper immer wieder von Außen sexualisiert werden. Es tritt selten ein, dass Frauen of Color Raum bekommen, selbstbestimmt über ihr Begehren zu sprechen, ohne aus dem Kontext gerissen zu werden.

Ihre Sinlge „Two Weeks“ zeigt beispielhaft, wie eine Umkehrung bei Frauisierten zugeschriebenen (sexuellen) Passivität unter einem Female Gaze aussehen könnte:

Higher than a motherfucker/Dreaming of it, it’s my loving/Flying like a stream of thunder/Only thing left to do is eachother/Pull out the insides and give me two weeks /You won’t recognize her/Mouth open, you’re high

Aufmerksamkeit und Zuneigung werden nicht selbstverständlich an die romantische Beziehungsperson verschenkt, sondern strategisch eingesetzt, als seien sie Waffen, die Waffen einer Herzensbrecherin. Die Zeilen „Suck me up I’m healing/with all the shit you’re dealing“ verdeutlichen den destruktiven Faktor von Beziehungen. Das Wohlbefinden der Beteiligten steht im stetigen Ungleichgewicht. Dass Machtstrukturen eine große Rolle im Leben von Tahliah Barnett spielen, lässt sich nicht nur aufgrund ihres Frauseins und ihrer jamaikanisch-spanischen Wurzeln vermuten, sondern leitet sich auch aus dem Musikvideo zum Lied ab. Wie eine vorzeitliche Königin thront sie in einem vergoldeten Raum und ist umgeben von Tänzerinnen.

FKA twigs — Two Weeks – MyVideo

Selbstbestimmt schüttelt twigs auch die Abhängigkeit von sexuellen Partner_innen ab. In „Kicks“ singt sie ganz lässig: „So I touch myself and say: I’ll make my own damn way.“

Feministisch ermächtigend ist das Album auch deshalb, weil das Album im normativen Sinne nicht erotisch ist. Die Frau als ausübendes Subjekt eines Begehrens, das zu Teilen an Gewalt grenzt, ist für normative Sexualität unüblich.

„I love another, thus I hate myself“ wiederholt sie in „Preface“, dem Eröffnungstrack, und zitiert den Dichter Sir Thomas Wyatt. Dieser Satz ist auch auf der Vinyl-Version des Albums eingraviert und lässt sich als Untertitel von „LP1“ verstehen. Einerseits bezieht twigs sich damit auf ihre Arbeit, andererseits auch auf Beziehungen. Täuscht eins sich in einer Person, die mit viel Aufmerksamkeit und Liebe überschüttet wurde, fühlt es sich wie eine Backpfeife an. Nicht nur Zweifel und Misstrauen gegenüber Gesamtzusammenhängen werden dadurch gestärkt, sondern verwandelt sich der Weltschmerz auch schnell in Selbsthass. Romantische_Beziehungen als verstörendes Komplex sind das Hauptmotiv der Platte. Neben dem von Verzerrungen, Überlappungen, Echos und Loopings geprägten Sound ist die Musik von FKA twigs mehr als nur zeitgenössisch. In gewisser Hinsicht ist es feministische Avant-Garde, die verwandte Bands wie The xx oder James Blake langweilig aussehen lässt und mit Rückenwind überholt.

FKA twigs
LP1
Young Turks/Beggars Group/Indigo

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Eine Antwort to “Feuilleton-riffic: FKA twigs”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Mixtape: Best of 2014 | Tea-riffic - 13. Dezember 2014

    […] sondern erlebte einen Sturm der Begeisterung – zurecht. Über LP1 von twigs bloggte ich hier sogar. Mit Beatrice Eli führte ich letzte Woche ein Skype-Interview, das ihr bald auf Missy Online […]

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