Nicht mitgedacht

21 Sep

Es tut mir Leid, dass ich in meinem Text für Bifeindlichkeit viele Menschen nicht mitgedacht habe und sie damit verletzt habe. Ich schreibe diesen Post nicht, um verlorene Leser_innen zurückzugewinnen oder Everybody’s Darling zu werden, das kann ich ohnehin nicht, das will ich auch nicht. Ich schreibe diesen Nachtrag, weil mir einige Punkte bewusst wurden_bewusst gemacht wurden und ich mich für einige Aspekte entschuldigen möchte.

Allerdings entscheide ich mich dagegen, den Eintrag zu löschen, weil es Aspekte eines Diskurses unsichtbar machen würde und ich auch Verantwortung für problematische Aussagen übernehmen möchte. Ich werde ihn stattdessen mit einer großen Triggerwarnung versehen.
Zudem geht es in Teilen auch um problematische Umgänge mit Privilegien. That’s still a thing.

Jetzt geht es aber um Dinge, die ich nicht mitgedacht habe oder falsche Annahmen.

1) Heterosexuelle Cisfrauen, die homoerotische Erfahrungen exotisieren, sollte ich nicht mit bisexuellen Cisfrauen vergleichen, weil es bifeindliche Klischees reproduziert.
2) Hetenperformance dekonstruieren: Eine öffentliche romantische Interaktion zwischen einer Cisfrau und einem Cismann ist nicht zwangsläufig das, was ich als Hetenperformance gelabelt habe. Eine Cisfrau könnte sich zum Beispiel auch als Girlfag verorten und schwule Cismänner begehren. Oder Guydykes, die lesbische Cisfrauen begehren. Oder oder oder. All das mache ich unsichtbar, wenn ich allgemein von der Hetenperormance spreche. Gedacht habe ich an Die Hetenperformance™, aber welche Außenstehenden können die schon von einander unterscheiden? (Fälschlich als heteronormatives Cishetenpaar gelesen zu werden gibt Menschen vielleicht Die Hetenprivilegien™ wie sicher auf der Straße unterwegs zu sein. Inwiefern es als schönes Privileg gilt, ist fraglich, wenn es zur Folge hat, ständig unsichtbar zu sein.)
3) Sich einfach dagegen zu entscheiden,  Cismänner im Leben zu haben, ist für manche Menschen nicht so einfach. Zum Beispiel, wenn diese traumatische Erfahrungen mit missbräuchlichen Cisfrauen gemacht haben. Auch dies habe ich nicht mitgedacht.
4) Es tut mir Leid, dass ich LGBTIA-Personen, die ohnehin wenige Räume betreten können, das Gefühl vermittelt habe, sie seien in queeren Räumen nicht willkommen.
5) Meine Annahme, bisexuelle Männer hätten es in der schwule Szene einfach, ist schlichtweg falsch. Es tut mir Leid.
6) Während Cis-Heterosexualität und Cis-Homosexualität performbar und als solches lesbar ist, gibt es kein bisexuelles Begehren. Und nicht alle bisexuellen Menschen leben in polygamen Beziehungen.
7) Bisexuellen Geflüchteten wird das Asyl verwehrt, weil sie „einfach nur eine Begehrensseite zeigen“ sollen. (Danke an Katha für den Hinweis. Quellen dazu gibt es hier und hier.)
8) Ich wollte Dynamiken in queeren Kontexten, die feindselig gegenüber bisexuellen Menschen sind, nicht stärken. Ich tat es aber, es tut mir Leid.
9) Ich wollte auf keinen Fall implizieren, dass bisexuelle Menschen sich bisexuell labeln, um edgy oder cool zu sein.
10) Ich merke, ich bin kein guter Ally. Ich werde den Begriff nicht mehr für mich verwenden.
11) Vor allem entschuldige ich mich für Abwehrmechanismen, die ich bei der Beantwortung von Kommentaren genutzt habe. Sätze wie „Das meine ich nicht so“ und „Sorry, dass es dich verletzt“ sind extrem problematisch und sollten in keinem Kontext genutzt werden. Ich gebe mir Mühe, mein Denken und mein Verhalten zu Dekolonialisieren und keine Muster aus weißen, rassistischen Diskussionen auf meinem Blog oder sonst wo zu übertragen. Es tut mir Leid, dass ich gerade an diesem Punkt so unsensibel war_bin.
12) Danke an die Verfasser_innen konstruktiver Kritik und insbesondere an diejenigen, die mit mir privat den Dialog gesucht und geführt haben. Danke für das Call-Out.

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7 Antworten to “Nicht mitgedacht”

  1. schwarzrund 22. September 2014 um 09:00 #

    Es freut mich sehr, dass mein Call Out sowohl als Text wie auch als Live-Version spuren hinterlassen hat-Spuren können ja auch was Schönes sein.

    Allytum und Solibekundungen sind eh sone Sache-aber dazu mal an anderer Stelle und ausführlicher.

    Let’s decolonize ourself, each other and then: the world. hrhrhr.

  2. distelfliege 23. September 2014 um 08:59 #

    ich hab ich über den Bi-Text auch total geärgert und dachte die ganze Zeit: Hä, sowas von Heng? Wieso das? Wie kann das sein? Heng rockt doch eigentlich total. Danke also für diesen Text.
    Ich hab mich gefreut, dass du im Nachgang an Girlfags/Guydykes gedacht hast. Und an vieles andere auch noch.
    Das erste zu Dokuzwecken stehen zu lassen find ich auch gut und hoffe, du bist damit wirklich okay.
    Du rockst halt 🙂

  3. katha 23. September 2014 um 09:31 #

    Danke. Ich weiß selbst, wie schwer es ist, kritik anzunehmen, besonders, wenn es um so einen wichtigen teil der eigenen Identität geht, der von der heterosexistischen cis-mehrheitsgesellschaft sanktioniert und bekämpft wird. Wir als Menschen wollen uns als ‚die Guten‘ sehen, bekämpfen und erfahren marginalisierung galore. Wenn uns dann gesagt wird, dass wir uns nen fuckup geleistet haben, kommt oft n defensivmechanismus zum tragen.
    „Ich bin nicht so, ich unterdrücke nicht, ich will kein teil der gewalt sein, will nicht zu denen gezählt werden, die mich selbst unterdrücken. Etc“
    Sich einzugestehen- ja, da war ein f-up, die kritik ist nicht an mir als mensch, sondern an dieser aktion, ich verstehe, ich nehme meine verletztheit an, aber lerne- das ist etwas, das menschliche größe zeigt, imho.
    Also danke, heng. Es freut mich, dass du die kritik annehmen kannst.
    Fehler sind menschlich, wir sind geprägt von unserer- gewaltvollen- umgebung, dies zu erkennen und zu bessern und dazu zu stehen ist ein wichtiger weg, uns als menschen weiter zu entwickeln.

    Ich beziehe mich mit ein, wenn ich texte lese, die meine identität angreifen, ist das besonders hart wenn es von menschen kommt, die ich als allies oder-in diesem fall- als gleichgesinnte/ teile einer mir immens wichtigen gruppe(lgbtiaq*)ansehe. Das führt bei mir schnell zu einer defensiven verletztheit, die zu unangemessen agressiver kritik führen kann, ohne dass das okay wäre. Sollte meine kritik dich persönlich getroffen haben, tut mir das leid(ich habe oft probleme mit lesen von emotionen und/oder expression von adäquaten emotionen. Teil des aspergers, es kommt vor, dass texte oder aussagen für andere menschen ganz anders klingen als intendiert(z.B aggressiver.) Gerade text macht es ja noch schwerer, im rl können mich menschen auf wortwahl, prosodie& intonation sowie körperhaltung/ausdruck hinweisen.
    Es war und ist nie meine intention, deine identität und dich als mensch zu kritisieren, meine kritik gilt der aussage/dem text/der situation. Ich hoffe sehr, ich bin nie unangemessen gewesen. Sollte dies der fall sein, sag bitte bescheid. Kommunikation ist kompliziert ^^

    Also. Danke und Anerkennung für die menschliche/charakterliche größe, diesen text zu posten und auf kritik zu hören.
    ♡♥♡¤♥♡♥¤♡♥♡¤♥♡♥

  4. Miria 23. September 2014 um 11:41 #

    Schön, dass Du darüber nachgedacht und eingesehen hast, dass dein Text so wohl nicht ok war!

    Allerdings macht es mich dennoch irgendwie traurig, dass innerhalb kurzer Zeit mehrere vermeintlich aufgeklärte und sympathische Menschen mit einem Blogbeitrag mich bzw. mir wichtige Teile meiner Identität angreifen. Und wie dieses mal gab es auch zuvor bei der anderen Person einen solchen Text, im dem der Fehler eingesehen wurde.
    Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass Menschen erst nachdenken und sich informieren und dann Texte verfassen. Dann verletzt man vielleicht nicht so viele Menschen!

    Sorry Heng, wenn der letzte Abschnitt hart klingt, der richtet sich allerdings nicht nur an dich. Mich macht die Situation wütend,, dass dies kein Einzelfall war…

    Liebe Grüße,
    Miria

  5. hlur from Beteigeuze 19. Oktober 2014 um 18:57 #

    „Ich gebe mir Mühe, mein Denken und mein Verhalten zu Dekolonialisieren und keine Muster aus weißen, rassistischen Diskussionen auf meinem Blog oder sonst wo zu übertragen.“

    Guter Satz, ich musste laut auflachen. Amüsant, aber auch traurig zu lesen, wie du meschugge wirst.

  6. Jenna 17. Mai 2015 um 11:52 #

    Oh huch, diesen Post hab ich natürlich erst nach meinem Kommentar unter dem anderen Post gesehen – Danke für deine Offenheit gegenüber konstruktiver Kritik! 🙂

Trackbacks/Pingbacks

  1. Warum ich mir vorstellen könnte, mich auch mal als Bi-Ally zu positionieren | Tea-riffic - 23. September 2014

    […] [TW: In diesem Text werden einige Dinge nicht mitgedacht, was dazu führt, dass der Text als bifeindlich gelesen werden kann. Einen Nachtrag mit Berichtigungen gibt es hier.] […]

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