Sprachliche Sichtbarmachung von Lebensrealitäten? VOLL SCHEISSE!

20 Nov

So richtig #geilon wird Die Deutsche Sprache™ vor allem von jenen gefunden, die große Fans von Goethe, Schiller, Kant und Co. sind. Erfahrungsgemäß – und angesichts der Inhalte letzterer – sind es Menschen, die Sexismen aller Art, Rassismen, Kolonialismus, Klassismus und sämtliche andere -ismen nicht soooo schlimm finden und gerne mal relativieren. Unter dem Schirmbegriff Sozialwissenschaftler_innen (oder, wie sie vermutlich selbst lieber sagen: Sozialwissenschaftler) ruhen sich mehrfachprivilegierte Menschen aus, die bei aller Liebe nicht wüssten, was an mehrheitlich von weißen Cistypen ausgedachter Kultur™ denn bitte problematisch sein soll. Dabei schneiden sie sich gerne mal ins eigene Fleisch.

Von den Theorien einiger dieser Typen lassen sich plausible Thesen ableiten. Ferdinant de Saussure meinte zum Beispiel so, dass ein Ding zwei Seiten hat: Die sprachliche Erfassung und seine Existenz. Ich sehe aus meinem Fenster und erkenne einen Baum. Ich weiß, dass es ein Baum ist, weil ich mit dem Glauben sozialisiert bin, dass Merkmale wie die Größe, Materialität und das Aussehen dieses Objekts darauf hinweisen, dass es ein Baum ist. Und dass es Baum heißt. Wenn etwas also existiert, braucht es auch eine sprachliche Instanz. Das ist eine Erkenntnis aus den Geisteswissenschaften.

Sprache ist Teil einer Kultur, Kultur ist gänzlich von Menschen – häufig nicht zufällig irgendwelche Menschen, sondern solche, die viel Macht haben – konstruiert. Sozialkonstruktivismus, dazu hat auch Simone de Bouvoire auch mal was erzählt, zum Beispiel dass Frausein nicht natürlich, sondern anlernt_imitiert wird. Wichtiges Statement innerhalb der Sozialwissenschaften.

Profx Lann Hornscheidt weiß, wie viele andere auch, dass es in der deutschen Sprache viele Baustellen gibt. Eine große Baustelle ist das Thema Gender. Die bunte Palette an möglichen Genderidentitäten und -performances wird im Deutschen nicht berücksichtigt. Das ist nur eines von vielen Dingen, die nicht berücksichtigt werden – zum Beispiel, dass Schwarze Menschen und People of Color gern respektiert würden und keine rassistischen Beleidigungen als Bezeichnung haben möchten. Lann Hornscheidt jedenfalls beschäftigt sich mit der feministischen Linguistik und schlägt vor (sic!), dass ein mögliches (sic!) nicht-binäres_geschlechterloses Pronomen sein könnte. Dazu passend könnten gegenderte Wortendungen (Professor, Professorin) auch x sein. In diesem Fall also: Profx. Insbesondere nicht-binär verortete Personen – ich zum Beispiel – habe dann das Gefühl, a) sprachlich eine weitere Option neben er_sie oder sier zu haben und b) auf eine Art und Weise repräsentiert zu werden. Das heißt: In der deutschen Sprache ist angekommen, dass wir – also wir nicht-binär verorteten Menschen – überhaupt existieren. Kein Mensch ist gezwungen, x als Pronomen zu wählen. Es ist eine Option. Wie Parmesan auf Nudeln – stinkt nach Füßen und sieht auch nach Hornhaut aus, aber einige Menschen finden das richtig geil. Whatever floats your boat. Ich benote noch mal: Du kannst diese Option wählen. Aber du musst es nicht. Und kein Mensch greift dich dafür an, wenn du es nicht tust. Vielen (binär verorteten) Menschen kann es egal sein. Ein paar anderen – und es ist egal, wie viele es sind – hilft es sehr, sehr viel.

Einige Leute finden das aber so richtig scheiße. So scheiße, dass sie diesen Akt des Sprachexperiments mit V*rg*w*lt*g*ng vergleichen. Wer eine so unangebrachte Analogie benennt, muss sich schon extrem bedroht fühlen. Wovon eigentlich? Davon, dass ein paar Menschen in der deutschen Sprache repräsentiert werden? Oder geht es um den Verfall Der Deutschen Sprache™? (Schon seit der Oberstufe beschäftige ich mich mit diesen ängstlichen Kartoffeln, die keine anderen Sorgen haben, als sich über Den Verfall der Deutschen Sprache™ zu eschauffieren. Ernsthaft, get a life. And cry me a river. Sprache verändert sich nun mal, und wenn du das scheiße findest, dann sprich halt nur noch Latein, du Lauch.)

Seit Tagen wird meine Facebook-Timeline mit Artikeln über Profx Lann Hornscheidt zugeflutet, in den meisten wird x misgendert. Die Journalist_innen wissen das richtige Pronomen schon, sie erzählen es auch ganz exotisierend: STELLT EUCH VOR, DIESE PERSON WILL MIT X ANGESPROCHEN WERDEN, ABER LOL WHO CARES, WARUM SOLLTEN WIR DAS RESPEKTIEREN???? #IGNORANCEISMYNEWBESTFRIEND
Kommentiert werden die Artikel größtenteils auch von Arschlöchern, denen gendergerechte Sprache einfach zu crazy ist. MANN muss es ja nicht übertreiben. Diese Frauen* und Trans*personen können froh sein, wenn sie einen Tag lang von struktureller und „alltäglicher“ Gewalt verschont werden. Nicht wahr?

Vermutlich hochgeschaukelt von solchen schlichtweg diskriminierenden und gewaltvollen Kommentaren dachten sich Michael Klein und Dr. habil. Heike Diefenbach so: Nö, solche Späße wie Fortschritt und Erweiterung der Sprache machen wir nicht mit, dafür haben wir nicht unseren schicken „Bundes“adler auf dem Pass stehen! Was machen sie also? Sie schreiben den peinlichsten von Akademiker_innen geschriebenen Brief, der mir seit langem untergekommen ist. Bevor ihr’s lest: Sehr viele Triggerwarnungen für gewaltvolle und diskriminierende Sprache. Und einen Inhalt, den das Mittelalter selbst nicht besser formulieren könnte.

Sie fordern den Präsidenten der Humboldt-Universität (lol, ja, die Uni ist wirklich nach rassistischen und sexistischen weißen Dudes benannt, I don’t get it, either) und die Bildungssenatorin Sandra Scheeres (die sie auch erst mal misgendert haben, I shit you not) dazu auf, Profx Lann Hornscheidt von der Uni zu nehmen. Weil gefährlich. Diese Feminismus-Sekte geht ihnen zu weit, sagen sie. Studierende werden GEZWUNGEN, Lann Hornscheidts Pronomen zu respektieren. Sie werden gezwungen, so wenig -ismen wie möglich zu reproduzieren, in Hornscheidts Seminaren. Könnt ihr euch das vorstellen? Respektvoller Umgang an der Hochschule? Das geht zu weit. Weil, wisst ihr nämlich, auf wessen Kosten es geht? AUF DIE KOSTEN DER SOZIALWISSENSCHAFTEN! DESWEGEN werden sie nämlich für einen einzigen Clownsverein gehalten! Nicht etwa, weil irgendwelche Heinis diesen Scheißbrief unterschreiben und sämtlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Theorien widersprechen, nein. Sondern weil eine Person versucht, Lebensrealitäten unterdrückter Menschen sprachlich etwas sichtbarer zu machen. „Ideologische Propaganda“, nennen sie das. Ideologische Propaganda hätten sie vor zwei Wochen mal das Ignorieren der Reichspogromnacht am 9. November nennen können. Profx Lann Hornscheidt positioniert sich übrigens auch innerhalb des Gender-Instituts der HU gegen Rassismen, finden x weißen Kolleg_innen natürlich auch voll scheiße. X von der Uni zu „entfernen“, wie es in dem Brief gewünscht wird, würde der HU nicht nur eine essenzielle Person aus den Gender-Studies bescheren, sondern auch ihren Ruf als rassistische Hochburg verstärken.

Ein wildes Meer aus (obviously weißen) Cis-Tränen erwartet uns in diesem Brief. Deutschland 2014. „Akademie“. Just shoot me already.

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6 Antworten to “Sprachliche Sichtbarmachung von Lebensrealitäten? VOLL SCHEISSE!”

  1. Sabrina 20. November 2014 um 20:16 #

    Danke!
    Ich habe in den letzten Tagen ein paar Facebook-Freund*innen löschen müssen, die diesen unsäglichen Welt-Artikel geteilt haben. So was will ich echt nicht lesen müssen.

    Der von dir gepostete Brief brachte meinen Puls nochmals auf 180. Schrecklich auch wieder, wie sie sich als kritische Wissenschaftler inszenieren.

  2. conniconce 20. November 2014 um 22:08 #

    Danke dafür. Ich ärgere mich seit Stunden und das hier macht es viel besser. Danke.

  3. keshchev 21. November 2014 um 06:05 #

    Ich danke dir für deinen wütenden Artikel! Ich habe mich so gefreut, als ich den Artikel über Lann Hornscheidt laß, einfach weil mir der zeigte, dass das _geht_, so als Non-Binary-Mensch an der Uni. Nunja, anscheinend geht das nicht. Why can’t we have nice things?
    Es tut mir gut, dass du in wütende Worte fasst, wo ich nur verzweifelte fuchtele. >.<
    (Den Brief werde ich mir jetzt noch gar nicht geben. Schon wenn ich den Link aufrufe und so'n bisschen die Seitenleiste runterscrolle, wird mir ganz übel…)

  4. Enda_ 23. November 2014 um 22:44 #

    Danke für den intervenierenden Text, der mir das Gefühl gibt weniger allein zu sein mit meiner Wut. Als mich »öffentlich“ nicht-binär verortende und an der Hochschule arbeitende_r Lehrbeauftragte_r schockiert mich der Sturm aus Ignoranz, Gewalt und Empörung. Noch ein Hinweis, am Ende schreibst du, „finden ihre weißen Kolleg_innen natürlich auch voll scheiße“, würde ich dann auch x schreiben. Danke für das Bild mit dem Parmesan, musste sehr lachen, auch wenn es mir immer wieder schwer fällt, klar zu kriegen, warum Sexismus so banal ist und trotzdem die Auswirkungen so massiv sind. So allein hätte ich die Metapher schwierig gefunden, weil ich die Notwendigkeit sprachlicher Interventionen schon wichtiger finde, als die Frage Spaghetti ohne oder mit Käse, wird aber im Rest vom Text klar

    • henghdf 23. November 2014 um 23:17 #

      Danke für den Hinweis mit dem Pronomen, ich hab es verbessert! Und es freut mich, dass mein Text dir mit deiner Wut hilft. 🙂

Trackbacks/Pingbacks

  1. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Gescheiterte Inklusion im Klassenraum und *istischer Sexualkundeunterricht – Die Blogschau - 22. November 2014

    […] unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar und bennenbar gemacht werden, ist für eine WissenschaftlerInnen schon zu viel des Gutem, berichtet Heng bei […]

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