Breaking News: Die meisten weißen Deutschen sind hart rassistisch

23 Dez

[TW: Rassismus, anti-muslimischer Rassismus]

Jede Woche laufen ein paar tausend Leute mehr auf der rassistischen, anti-muslimischen PEGIDA mit, der Dresdner Montagsdemo der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Der Boden für diese beschissenen Weltansichten wurde schon vor Jahrzehnten gesät, die Anschlussfähigkeit im Land ist enorm: Jede dritte Person in der BRD fürchtet sich vor dieser vermeintlichen Islamisierung. Christliche Werte™ werden von heute auf morgen in CAPSLOCK geschrieben und dürfen nicht untergehen. Immer wieder wird sich von (Neo-)Nazis und Rechtsradikalen distanziert, es seien „stinknormale, besorgte Bürger“, die hier auf die Straße gingen.

Und das stimmt. Anti-muslimischer Rassismus, Anti-Semitismus, Antiromanismus, ja, jede mögliche Form von Rassismus ist ein fester Bestandteil von Positionen aus der „Mitte“. Und nicht nur dort. Wie sonst sollte auch eine Gesellschaft gesinnt sein, in der ständig irgendwelche konstruierten Islamdebatten stattfinden? Eine Gesellschaft, deren Medien die Infragestellung der reinen Existenz des Islams normalisieren? Eine Gesellschaft, die regelmäßige Übergriffe auf Moscheen, Geflüchtetenunterkünfte oder auf Einzelpersonen erst mal nicht als rassistisch motiviert und zusammenhängend betrachtet wird? Eine Gesellschaft, in der jahrelang rassistischer Terrorismus stattfinden konnte, Terrorismus an sich aber als Problem des Islams diskutiert wird? Eine Gesellschaft, die sich persönlich angegriffen fühlt, wenn sie auf ihre Geschichte hingewiesen wird? Eine Gesellschaft, die Patriotismus zumindest während Fußballmeisterschaften als ihr Grundrecht ansieht? Eine Gesellschaft, die auch in ihren vermeintlichen alternativen Teilen ironisch oder zynisch mit ihren Rassismen umgeht? Eine Gesellschaft, die Cookies will für ihre ach so große Toleranz? Natürlich ist die Mehrheit weißer Deutscher racist as fuck.

Für Betroffene von Rassismen ist das auch nichts Neues. Die bekommen genau diesen Hass schon seit immer zu spüren. In manchen Räumen ist es stärker als in anderen, es gibt auch schlimmere Phasen dann und wann, zum Beispiel jetzt gerade. Pro Asyl trug zusammen, was für üble Angriffe allein in einer Woche stattgefunden haben:

In Rottenburg wurden zwei Flüchtlinge angegriffen. Eine Frau wurde mit Kopf- und Knieverletzungen in ein Krankenhaus gebracht. In Plöwen hat ein Mann versucht, zwei syrische Asylsuchende zu überfahren. Sie konnten sich mit einem Sprung zur Seite retten. In Dormagen haben Unbekannte eine Moschee mit Hakenkreuzen beschmiert. In einem Regionalzug in Niederbayern wurde ein Mann aus Mali von drei Unbekannten angegriffen und musste mit Platzwunden ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Eine anti-muslimische, anti-semitische, rassistische Grundstimmung bestätigt Täter_innen in ihrem Handeln, da bring auch die Differenzierung zwischen „echten Nazis“ und toleranten Nazis nichts.
Jene Massenmedien, die einen großen Teil anti-muslimischer Kackscheisze produziert haben, empören sich über PEGIDA. Plötzlich positionieren sie sich gegen rassistische Thesen und packen Statistiken aus, die sie mal vor Jahren auf den Tisch hätten legen sollen. Sie scheinen es kaum zu fassen, dass Rassismus in Deutschland so anschlussfähig ist. Währenddessen berichten internationale Medien über die wachsenden Zahlen offener „Nazis in Nadelstreifen“.

Für mich ist es sehr schwer, diesen Text zu schreiben. Schließlich gibt es an PEGIDA, der medialen Berichterstattung und dem kritischen Umgang so viel zu analysieren, eigentlich müssten mir die Worte doch aus den Fingern fließen. Tun sie aber nicht. Ich schaue mir immer wieder die von der ARD mitgeschnittenen Videos der Demo an. (Hier eine kürzere Version.) In mir steigt Wut auf, aber auch Angst. Verwundert bin ich nicht. Irgendwo fühlt es sich auch einfach nur leer an. Wie lange ich eigentlich noch in Deutschland leben kann, frage ich mich, in welchem Land es denn besser sein würde, welche Strategien ich fahren müsste, was ich für meine Brüder* und Schwestern* machen kann, welche Aufgaben ich als Aktivistin und Autorin wohl habe. Ob ich mein white-passing für etwas Nützliches einsetzen könnte oder ob ich aus Solidarität zu meiner muslimischen Familie und meinen Freund_innen die Religion, die ich eigentlich nicht mehr praktiziere, auf der Straße sichtbar tragen sollte und so Widerstand leisten kann. Ich denke so: Sollte ich diesen Text hier überhaupt abschicken, wenn hier ohnehin nichts Neues steht? Gar nichts sagen geht aber auch nicht. „Scheißkartoffeln“, denke ich dann wieder und lese über die Empörung über Weihnachtskritik. Trennung von Staat und Kirche, wünsche ich mir dann wieder. In Schweden sind die Läden sonntags auch offen und nur der 1. Weihnachtstag ist ein großer Feiertag. Mehr braucht es auch wirklich nicht. Ich lese dann wieder von einem Übergriff auf eine nicht-weiße Person. Überall irgendwelche Krippen und Jesus-Bilder. Die wissen schon, dass Jesus jüdisch und Middle-Eastern war, oder? Nee, wissen sie nicht, weil er überall weißgewaschen wird. Würde Jesus heute in Deutschland rumlaufen, würde er seinen Geburtstag morgen ohnehin nicht feiern können, weil irgendwelche Rassismusarschlöcher ihn wegen seines Bartes „Terrorist“ nennen und verprügeln würden. Scheißhypokritische Adventsfans.

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Eine Antwort to “Breaking News: Die meisten weißen Deutschen sind hart rassistisch”

  1. Charlie 29. Dezember 2014 um 17:22 #

    „In Schweden sind die Läden sonntags auch offen“

    Warum das ein schlechtes Beispiel für Säkularisierung ist, ließe sich gut mit einem Fachmenschen von der Gewerkschaft diskutieren!

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