Warum das x-Pronomen mir Bauchschmerzen bereitet

18 Feb

Große Lücke in der deutschen Sprache? Smoothe geschlechtsneutrale Pronomen. Es gibt viele Alternativen, zum Beispiel stets wechselnde Pronomen, er_sie, sier, xier und das x. Wenn ich aber 0% „er“ in meiner nicht-binären_genderqueeren Identität ausmachen kann, fühlen sich viele von ihnen falsch an. Und das x?

Das x als Pronomen erscheint mir wie eine geklaute Regenjacke, die zuvor auf dem inneren Etikett namentlich gekennzeichnet war und dessen Etikett ich mit einer Schere abgeschnitten habe. Die Jacke gehört mir nicht und wer sie nicht an der vorher besitzenden Person gesehen hat, wird denken, ich hätte sie selbst gekauft.
Das x als Platzhalter für Namen – was ein Pronomen nun mal auch ist, ein Platzhalter für Namen – hat eine ganz bestimmte Geschichte und es ist nicht meine Geschichte. Und es ist auch nicht die Geschichte von weißen Transpersonen aus der Akademie.

Wie einige von euch vielleicht bereits wissen, war eine der kolonialrassistischen Konsequenzen das Löschen kultureller Identitäten Schwarzer Personen in den USA. Das heißt konkret: Versklavte Personen und folgenden Generationen wurden die Nachnamen nach den Farmen, auf denen sie arbeiten mussten, benannt. Auch ihre Vornamen wurden ausgetauscht beziehungsweise weiß gewaschen. Sklavenhalter_innen tauschten also ihre ursprünglichen Namen um und legten neue fest, eine gerade entmenschlichende Handlung.

In den 1950ern entschloss sich der Schwarze Aktivist Malcom X (geboren als Malcom Little) dazu, als Zeichen des Widerstands gegen white supremacy und Spuren der Sklaverei seinen Nachnamen durch die unendliche Variable X zu ersetzen. Die nicht nachvollziehbaren Wurzeln einer Person, unbeantwortete Fragen in der Biografie, weggenommene Identitäten – all das kann folgen, wenn einer Person einfach so ein neuer Nachname gegeben wird. Das X ist ein Widerstand gegen die weiße Strategie, ihre gewaltvolle Geschichte zu vertuschen und ihre Überlegenheit zu demonstrieren.

Das simple x als Pronomen hat mit Schwarzer Geschichte wenig zu tun. Sicherlich können Parallelen gezogen werden, wenn Transpersonen die falschen Pronomen auferlegt werden, wenn ihnen das falsche Geschlecht zugeschrieben wird, wenn ihnen Gewalt zugefügt hat. Das hier ist aber keine Oppression Olympia, sondern ein Aufzeigen von Ursprüngen von Widerständen – und ihren Aneignungen.

Bisher habe ich noch keine Schwarze Person oder Person of Color getroffen, die sich mir mit dem Pronomen x vorgestellt hat – ich möchte damit nicht sagen, dass es keine Schwarzen Personen_PoC mit x-Pronomen gibt, sondern, dass es in meiner Umgebung überwiegend von weißen Personen genutzt wird. Die meisten von ihnen bewegen sich im akademischen Kontext. Der Punkt ist: Das x-Pronomen wurde nicht von Schwarzen Transpersonen aus den USA angestoßen.

Auch die x-Endungen gegenderter Wörter finde ich schwierig, wenn es darum geht, möglichst verständlich zu kommunizieren. Dabei geht es mir nicht um irgendwelche transfeindlichen, rassistischen Kartoffeln, die sich über die Zensur der Sprache beschweren, wenn sie ihr Schnitzel als Paprikaschnitzel bezeichnen sollen. Mir geht es vor allem um von Klassismus betroffene Personen of Color, die jetzt schon Schwierigkeiten damit haben, die deutsche Sprache mit all ihren tricky Regeln zu lernen. Der Zugang in queer_trans-aktivistische Kreise wird erschwert, der Positionen innerhalb der Bewegungen schließen immer mehr diejenigen aus, die his_her_theystorische Anker wie Stonewall geworfen haben. Das waren nun mal nicht weiße Akademiker_innen.

(Wichtige Randnotiz: Mir ist bekannt, dass es starke Sexismusvorwürfe gegenüber Malcom X gab. Es spielt in diesem Fall keine Rolle, wem die Regenjacke vorher gehört hat, der Fakt ist, dass sie nicht meine ist. Vor allem, weil die Regenjacke eine Abwehr gegen Privilegien war, die ich teilweise habe.)

Dieser Text soll allerdings _nicht_ dazu ermutigen, Personen zu misgendern und nicht-binär verortete Menschen zurück in Dichotomien zu drücken. Vielmehr möchte ich betonen, dass die Suche nach geschlechtsneutralen Pronomen noch lange nicht beendet ist und wir uns auf den bisherigen Überlegungen nicht ausruhen können. Das x ist eben ein Platzhalter, es kann also jederzeit in eine bekannte Variabel verwandelt werden.

Ich möchte an dieser Stelle den Schwarzen Aktivist_innen und Aktivist_innen of Color dafür danken, besonders an Nadezda Krasniqi aka Nadi, dass sie Ressourcen wie ihr Wissen und ihre Zeit mit mir geteilt haben. Ohne sie wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen.

8 Antworten to “Warum das x-Pronomen mir Bauchschmerzen bereitet”

  1. x 19. Februar 2015 um 15:41 #

    Ich habe ein Problem mit dieser Argumentationsweise oft, da ich denke es kann aus verschiedenen Blickwinkeln aus zusammenhangslosen Themenfeldern auf ähnliche Ergebnisse gekommen werden. Und so kommt es mir oft vor eher wie ein Wettrennen, wer welche Regenjacke zuerst im eigenen Widerstand benutzt hat und damit das Copyright darauf hat.
    Ich denke es gibt vielleicht bei beiden Gruppen ein Problem mit den Namen die ihnen gegeben wurden, deshalb suchen sie Alternativen. Ob sie voneinander beeinflusst wurden weiß ich nicht. Aber sowohl eine Regenjacke als auch ein Windbreaker können gegen Sturm helfen und sich auch ein bisschen ähnlich sehen.

    Ist es da nicht auch unwichtig wer zuerst da war? Es wird immer möglich sein wen zu finden, der zuerst da war und irgendetwas für irgendwas anderes genutzt hat.

    • henghdf 19. Februar 2015 um 17:40 #

      Deine Argumentationsweise klingt nach einer privilegierten Position, der es egal sein kann, wer wessen Geschichte auslöscht.

    • Nadi 19. Februar 2015 um 17:50 #

      hmmm ich bin doch sehr irretiert wie du die trans*-also auch die queer-und feminismus bewegung /empowerment als „zusammenhanglose themenfelder im bezug auf weisse aneignung, white washing und gewaltvoller geschichts udn widerstands verdrehung durch WEISSE- “ bezeichnen kannst -seit wann sind denn themen wie queer*trans*feminmus trennbar von weiss sein ? sie sind wie oben beschrieben durchaus trenn-bar von Schwarz und PoC sein- bzw wird einfach so wies halt immer läuft sobald weisse was in die finger kriegen komplette Origins verschwiegen, ent-wehnt- und bewusst oder auch unbewusst ausgeblendet— und somit gewaltvoll angeignet !!!

      und dass hier versteh cih nich was du damits agen möchtest “ Ich denke es gibt vielleicht bei beiden Gruppen ein Problem mit den Namen… „

  2. buildingsnbridges 19. Februar 2015 um 18:42 #

    Hat dies auf buildingsnbridges rebloggt und kommentierte:
    überzeugende kritik – danke!

  3. sr. krazy 14. Juni 2015 um 02:19 #

    Für eine Person guten Willens aber ohne Vorbildung ist es ohnehin schwierig, diesem ganzen Sprachsorgfalt- Diskurs zu folgen … Nicht, weil es an eigentlicher inhaltlicher Nachvollziehbarkeit mangelt, sondern weil eins alle paar Wörter die entsprechenden Vokabeln googeln muss. Es hat schon etwas sehr akademisch-Eingeweihtes – was für ein Gebiet der Forschung und Entwicklung auch in Ordnung ist – aber der Inhalt, der die Gesellschaft betrifft und für alle da sein sollte, schwappt nur immer in kaum erklärten Schlagworten in die Öffentlichkeit, die zu einem großen Teil aus Leuten besteht, die, ich sags mal mit meinen Worten, schlicht nicht folgen können. Ein „Wörterbuch der sorgfältigen Sprache“ wäre hilfreich… gibt es sowas?

  4. genderscifi 7. August 2015 um 18:11 #

    Danke für die wertvolle Kritik und Denkanstöße! Ich finds voll wichtig, zu hinterfragen, auf welche Traditionen eins sich bewusst oder unbewusst bezieht und ob eins damit als privilegierte Person Appropriation betreibt. Trotzdem auch Kritik: als nicht-binärer Trans*Mensch ist es u.U. unheimlich schwer, eine Sprache für sich zu finden und es kann sehr schmerzvoll sein, mit unpassenden Pronomen rumlaufen zu müssen oder aber mit solchen, die nicht ernst genommen werden…Nicht-zweigeschlechtliche Sprache ist für mich ein täglicher Kampf um Anerkennung meiner Existenz. Z.B. in dem Satz „Das x ist eben ein Platzhalter, es kann also jederzeit in eine bekannte Variabel verwandelt werden“, fühle ich mich darin nicht so richtig respektiert. Zusätzliche Kommunikationsschwierigkeiten beim deutsch-Lernen… spielst du da nicht doch die verschiedenen Diskriminierungen gegeneinander aus? Ich habe Bock, dass mich alle Menschen richtig ansprechen können und bin auch bereit, das zu vermitteln. Sprache wird eben leider meist komplexer, wenn sie inklusiver wird.
    Hierzu noch n Artikel: http://heterosexismushacken.blogsport.de/2015/06/30/gastbeitrag-das-undenkbare-verlangt-nach-einer-sprache-ueber-geschlechtsneutrale-pronomen/

  5. Beautiful Colours 13. September 2015 um 23:43 #

    Super Artikel!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Linkspam (4) | enjoying the postapocalypse - 18. Februar 2015

    […] Um gleich bei den Pronomen zu bleiben: Hengameh hat bei „x“ Bauchschmerzen und erklärt hier, warum das so ist. […]

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