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J’ai tué ma mère

3 Okt

Der Film beginnt, ich starre gespannt auf den Bildschirm. Hubert erzählt von seinem komplexen Verhältnis zu seiner Mutter. Einerseits könne er nicht behaupten, sie nicht zu lieben, andererseits empfinde er keine Gefühle, die von dem Sohn erwartet werden.
Oft brüllt er seine Mutter an, er hasse sie, dann ruft er gegenteiliges. Sie streiten sich häufig, heftig, rasend. In der Schule behauptet er, sie sei tot. Zu seinem Vater hat er kaum Kontakt, seine Eltern leben getrennt.
Von seiner Homosexualität erzählt er ihr nicht, sie erfährt es von der Mutter seines Partners, reagiert betroffen, aber nicht wütend. Das Auf und Ab geht weiter, Hubert wird in ein Heim geschickt, um seine schulische Leistung zu retten. Der Hass wächst weiter an, dann ein Zugeständnis. Kurz scheint sich die Lage zu verbessern, doch es folgt ein Wutausbruch, eine Flucht und ein Wiedertreffen.
Zum Schluss flackern einige Bilder aus seiner Kindheit auf dem Schirm, ein liebenswerter Junge und seine ihn liebende Mutter lachen glücklich in die Kamera. Abspann. Ich bin sprachlos.

Xavier Dolan spielt nicht nur den Protagonisten Hubert Minel, sondern hat auch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt und das im Alter von knapp 20 Jahren. 2009 wurde der Film in Kanada veröffentlicht, bei uns erst dieses Jahr unter dem Titel „I killed my mother“.
Authentisch, ästhetisch und imposant überzeugt der Film, Emotionen springen aus meinem Laptop und ich wünsche mir nichts mehr, als in Ruhe darüber nachzudenken, dieses Stück Kunst inhalieren zu können und wie gern würde ich seinen zweiten Film „Herzensbrecher“ sehen…

Hard Candy

18 Aug

Hard Candy ist ein 2005 entstandener Independent Thriller, der Kontroversen mit sich bringt.
Es geht um die vierzehnjährige Hayley (Ellen Page), die im Internet den 32-jährigen Fotografen Jeff (Patrick Wilson) kennenlernt und sich mit ihm trifft. Was zunächst nach einer Lolita-Story aussieht, trügt: Es führt nämlich nicht dazu, dass Jeff Hayley verführt, sondern dass sie ihn foltert und der Pädophilie sowie dem Mord an einem jungen Mädchen beschuldigt.

Der Film tut vor allem eins: Fragen ins Gedächtnis aufrufen. Ist es legitim, einen Pädophilen mit Folter zu bestrafen, sei es physische oder psychische? Ist die Selbstjustiz jemals eine Lösung?
Besonders interessant ist die Sicht auf die beiden Protagonisten, der Rollentausch. Üblicherweise werden Gewalt und Sadismus dem Mann zugeschrieben, nicht etwa der – in dem Fall viel jüngeren – Frau. Das gefällt mir sehr gut an dem Film.

Beide Rollen wurden sehr glaubwürdig und überzeugend gespielt, ich kann den Film nur empfehlen. Eine anschließende Diskussion ergibt sich normalerweise von selbst.

The End’s Near

12 Jul

Vor 10 Jahren hat der Zauber bei mir begonnen. Zugegeben, ich gehöre nicht zu denjenigen, die schon seit der ersten Stunde dabei sind, aber das macht die Sache nicht einfacher.

An einem verregneten Novemberabend im Jahre 2001 – es war der 17.11.2001, um genau zu sein – überreichte mir eine Freundin meiner Mutter ein Geschenk, das mein Leben verändern würde. Nein, es war kein Bausparvertrag oder ein Pferd (über letzteres hätte ich mich auch nicht gefreut, wenn ich ehrlich bin), sondern ein Roman. Ich war dafür bekannt, dass ich ein Bücherwurm war und meine Lektüre entweder in der Hand, im Gepäck oder unter dem Kopfkissen hatte.

Vorsichtig riss ich das Geschenkpapier auf und blickte auch ein gebundenes Buch mit einem grünen Rücken. Ich strich über das Cover, es fühlte sich schön weich an. Ein Junge mit zerzausten Haaren und einer bunten, schief sitzenden Brillen starrte pfiffig zur Seite.
„Harry Potter und der Stein der Weisen“ war der Titel, die Buchstaben leuchteten in einem kräftigen Gelb. „Harry Potter“, dachte ich, „davon habe ich die Werbung gesehen.“

Sobald ich die ersten Seiten gelesen hatte, verschlang ich das Buch, kurz darauf war ich im Kino und schaute mir den Film an. Von Freundinnen und Bekannten lieh ich mir die Fortsetzungen aus und vertiefte mich in die Welt des Jungen, der überlebte.
Es wurde zur Tradition, die Bücher und Filme kurz nach der Veröffentlichung zu genießen, in der Schule ausgiebig darüber zu sprechen und anfangs auch in Hinterhöfen auf Fahrradständern Quidditch zu spielen (aber nur semi-professionell, ich war immer Hermine und meine Freundin war immer Ginnie Weasley).

Die ersten Fanartikel schmückten mein Zimmer, ich besitze jetzt noch Schlüsselanhänger, Kalender, Briefpapier und einen riesigen goldenen Schnatz (den ich zum 19. Geburtstag bekam, danke an dieser Stelle <3).
All die Jahre lang haben die Geschichten und Weisheiten von Frau Rowling mich begleitet, sie haben mich inspiriert und aufgebaut, haben mir gezeigt, wie wichtig Mut, Freundschaft und Loyalität ist (natürlich habe ich diese Dinge nicht nur aus den Büchern gelernt, aber sie haben stark dazu beigetragen).

Und heute Nacht schließt sich der Kreis, heute Nacht ist es vorbei. Um 0:01 Uhr werde ich im Kino sitzen und ein letztes Mal gespannt in den Genuss einer Verfilmung dieser Buchreihe kommen. Allerdings wird der Zauber für mich nicht aufhören. In meinem Kopf und in meinem Herzen wird es immer weiter gehen.

Reality is just as thin as paper

28 Jun

Sonntag habe ich viele neue Eindrücke gesammelt. Mit diesen drei Werken habe ich mich beschäftigt:

Mit Veronika beschließt zu sterben habe ich vor zwei Wochen angefangen. Es geht um ein junges Mädchen, das an einem Suizidversuch scheitert und in ein Sanatorium kommt. Dort erfährt sie von den Fachärzten, dass sie nur noch wenige Tage zu leben hat, da ihr Herz einen immensen Schaden von der Überdosis an Schlaftabletten trägt.
Egal, wie sehr man sich den Tod wünscht, dieses Buch zeigt, dass das bewusste Warten eine andere Dimension der Lebensmüdigkeit ist. Plötzlich könnte man nämlich doch bemerken, dass man Freude oder gar einen Sinn in seiner Existenz findet. Der Roman tut, was er sollte, regt stark zum Nachdenken an.

Als nächstes las ich die neue Arbeit von Jonathan Safran Foer, einem von mir sehr geschätzten Autor. Tree of Codes  ist ein ganz besonderes Buch.
Es handelt sich dabei eigentlich um „The Street of Crocodiles“ von dem jüdischen Autor Bruno Schulz, Foers Lieblingsroman. Daraus hat er allerdings eine komplett neue Geschichte gemacht, indem er verschiedene Textpassagen ausstanzen ließ. Aufgeschlagen sieht das ganze so aus:

Dementsprechend aufwendig war auch die Herstellung dieses Exemplars (und dementsprechend hoch der Preis).
Ich brauchte nicht lang, bis ich das Buch durchgelesen hatte, aber jedes einzelne Wort wirkte auf mich so unglaublich illusionierend und inspirierend, dass ich das Gefühl hatte, es stamme aus einer anderen Welt.

Den Tag schloss ich mit einem Film namens „Alles ist erleuchtet“ ab. Den Roman dazu (original „Everything Is Illuminated“) hat der gute Foer geschrieben. Ich muss sagen, dass dies eine der besten Buchverfilmungen ist, die ich geh gesehen habe.
Die Umsetzung war so unglaublich gut gelungen, die Besetzung mit Elijah Wood als Jonathan Safran Foer war sehr passend und der Soundtrack ebenfalls.
Ich war so berührt von dem Film, all die Traurigkeiten wurden 1:1 eingefangen und verbildlicht, dass man das Gefühl hatte, den Roman neu zu leben.

Ist wer von euch schon in den Genuss dieser drei Kunstwerke gekommen?

Skins – Hautnah

1 Jun

Viele von euch werden sie schon kennen, aber ich möchte sie euch trotzdem vorstellen – meine Lieblingsserie „Skins“.
Worum geht’s da? Oberflächlich gesehen könnte man sagen, es geht um das Leben hedonistischer Jugendlicher aus Bristol, die mit Sex und Drogen sehr maßlos umgehen.
Allerdings spielen da noch andere Faktoren mit. Davon abgesehen, dass die einzelnen Charaktere wirklich interessant gestaltet sind, sind auch Themen wie Freundschaft, Homosexualität, Magersucht, Religion, das Hinterfragen der bestehenden Strukturen und natürlich das Erwachsenwerden entscheidende Fäden, die gezogen werden.

Der Aufbau ist dynamisch und abwechslungsreich: Jeweils zwei Staffeln drehen sich um eine Generation, sodass man nicht zwangsläufig die vorherigen beiden Staffeln kennen muss. Jede Folge beschäftigt sich mit einer Person genauer und begleitet durch die ganze Sendung.

In der ersten Generation gibt es Tony, seine Freundin Michelle, seinen besten Freund Sid, die unsichere Cassie, Chris, Jal, Anwar und Maxxie. Seine kleine Schwester Effy kommt zwar auch vor und hat in jeder Staffel ihre eigene Folge, ist aber letztlich nicht unter den Protagonisten.
Anfangs denkt man, die Serie sei wie folgt: Toni, der attraktive, beliebte, talentierte und freche Junge, der alles schafft, profiliert sich mit seinen unglaublich krassen Taten, baut viel Scheiße und kommt ungestraft davon.
Dem ist aber nicht so.


In der zweiten Generation kommt endlich Effy zum Zug. Mit ihrer besten Freundin Panda lernen sie Freddy, Cook und JJ kennen – „die drei Muskeltiere“, deren Freundschaft aber auf die Probe gestellt wird.
Hinzu kommen die Zwillinge Katie und Emily, die zwar gleich aussehen, aber unterschiedlicher nicht sein können. Das liegt vor allem daran, dass Katie ein Männermagnet ist, während Emily in Naomi verliebt ist. Dann gibt es noch Thomas aus dem Kongo, der dazukommt.
Erst bauen sie ihr exzessives Zusammenleben in Bristol auf, um es dann auseinander fallen zu sehen.

Die dritte Generation ist dann komplett neu besetzt. Es handelt von Franky, einem sehr androgynen Mädchen, das neu an das Gateway College kommt, wo sie die oberflächlich wirkende Mini, die noch unsichere Grace und die exzessive Liv kennenlernt.
Was mit Mobbing beginnt, endet in einer Freundschaft, die mit Hilfe von Rich, Alo und den Geschwistern Nick und Matty zu einer großen Sache wird.
Zum ersten Mal wurde diese britische Serie im Jahr 2007 gesendet, aktuell ist die fünfte Staffel vorbei. Angekündigt sind ist eine sechste Staffel sowie ein Film, der zwar das Hauptaugenmerk auf die zweite Generation hat, Personen aus den anderen beiden allerdings miteinfließen lässt.

Was mich an Skins überzeugt, sind nicht nur der unglaublich gute Soundtrack, die witzigen, aber auch tiefen Dialoge, sondern auch die unterschiedlichen und zum Teil extrem komplexen Charaktere.
In keiner Serie habe ich zuvor erlebt, dass so interessante Storylines konsequent und gelungen parallel laufen.
Auch das Frauenbild, das vermittelt wird, ist total feist, weil es emanzipiert ist und zeigt, dass man seine eigenen Bedürfnisse nicht hinter die gesellschaftlichen stellen sollte, nicht immer ladylike sein muss und eben auch, dass es okay ist jemanden zu lieben, den andere Menschen nicht als den Partner anerkennen wollen.
Davon abgesehen werden die Leute dort extrem cool eingekleidet.

Einige Kritikerinnen und Kritiker haben die Serie als unrealistisch und utopisch eingestuft, aber mal ehrlich: was ist realistischer als eine Horde von Jugendlichen, die Drogen konsumieren, untereinander Sex haben und deren Träume zusammenbrechen?
Wahrscheinlich ein Krankenhaus voll attraktiver, junger Ärztinnen und Ärzte, die alle miteinander befreundet und teilweise liiert sind und ihr Privatleben mit dem Beruf nicht vereinbaren können.

Half

30 Mai

Ein sehr süßer Kurzfilm, der zeigt, wie schnell zwei Parallelen aufeinander kollidieren können, sich kurz berühren und wieder auseinander gerissen werden.

 

The Tracey Fragments

10 Jan

Auf der Suche nach Filmen, in denen Ellen Page mitspielt, bin ich auf The Tracey Fragments gestoßen. Da in Deutschland viele Independent Filme entweder nicht groß angekündigt oder gar nicht erst veröffentlicht werden, war mir der Titel fremd. Ohne vorher einen Blick in den Trailer zu werfen, schaute ich ihn mir also an.

Die Geschichte handelt von der fünfzehnjährigen Tracey (gespielt von Ellen Page). Sie lebt in einem Teufelskreis des Mobbings, eines gestörten Familienverhältnisses und des Selbsthasses. Als ihr jüngerer Bruder Sonny unter ihrer Aufsicht verloren geht, steht nicht nur sie, sondern auch ihre ohnehin schon psychisch strapazierten Eltern am Rande der Verzweiflung. Deshalb läuft sie weg, auf der Suche nach Sonny, zu unerfahren, um auf der Straße zu überleben und zu kaputt, um zurückzukehren.

Ich möchte von der Handlung nicht zu viel verraten, da man sie wie ein Puzzle im Laufe des Filmes zusammenlegen muss. Dabei wird weder chronologisch vorgegangen, noch ist es immer klar, was sich tatsächlich abgespielt hat und was nur Fantasien sind.
Ein weiteres Merkmal ist das Bild, denn es ist überwiegend in kleine Bruchstücke – Fragments – aufgeteilt. Die Kamerahaltung ist an den richtigen Stellen unruhig und sorgt für eine schmutzige, dunkle Atmosphäre. Als ZuschauerIn hat man das Gefühl, die Handlung aus Traceys Perspektive zu verfolgen.

Allerdings muss ich eingestehen, dass einige Szenen sehr heftig auf mich gewirkt haben; es ist wie eine Dokumentation über eine ausgebrochene Jugendliche, die alle lieblosen Seiten des Lebens erfährt, es sind also ziemlich krasse Bilder.
Durchgehend habe ich den Bildschirm mit weit aufgerissenen Augen angestarrt, einerseits angeekelt und verstört, andererseits neugierig. Die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen? Ich möchte einige davon preisgeben.
„Wie kann sich eine Mutter nur so gleichgültig verhalten? Wie können Menschen nur so krank sein? So ignorant? So brutal? Warum kann ein Mensch nicht die Liebe bekommen, die er verdient? Weshalb sind Teenager so intolerant, merken sie nicht, was sie mit ihrem Verhalten anrichten können? Ihre Gefühle müssen sich wie ein Spiegel anfühlen, auf dem tausende von Menschen herumtrampeln, sodass sie sich an den Splittern schneidet. Ich sollte mich glücklich schätzen, dass ich wenigstens zu Hause einen Rückzugsort finden kann.“

Insgesamt ist das Werk sehr gut gelungen, jedoch empfehle ich ihn keinen schwachen Gemütern. Wer verwirrende Filme, die die Härte der Realität aufzeigen, nicht gerne schaut, der sollte die Finger von diesem Stück Kunst lassen. Allen anderen empfehle ich es, ihn abends alleine zu gucken, denn danach möchte man ihn in Ruhe wirken lassen und sich sortieren.