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Ain’t nobody care if #FeministsAreHot or not

4 Aug

Ich rufe alle Frauen und Männer dazu auf, nicht mit Menschen zu schlafen, die unfeministische Ansichten haben. Ferner rufe ich alle Feministinnen und Feministen dazu auf, ihre gelungensten Selfies mit dem Hashtag #feministsarehot zu taggen! Machen wir Feminismus attraktiv! Machen wir ihn begehrenswert! Irgendwann findet man dann unter #feministsarehot eine weltweite Sammlung schöner, starker, feministischer Männer und Frauen. Und wovon träumt ihr so?

– Franziska Holzheimer auf Passheimer

Soeben bewarf ich euch mit einem Ballen problematischer Aussagen und ich schlage vor, mit einem Fragenkatalog vorzugehen, um all die Fragezeichen in meinem Kopf abzuarbeiten.

1) Warum genau muss alles „hot“ oder „sexy“ sein, um eine Daseinsberechtigung zu haben?
2) Was meint „hot“ oder „sexy“ eigentlich?
3) Wer bestimmt, was „hot“ oder „sexy“ ist? Nicht zufällig das Patriarchat?
4) Und wenn’s das Patriarchat ist, warum sollte es relevant sein, ob sie Feminist_innen attraktiv finden? Ich dachte, der ganze Punkt am Feminismus sei, dem Patriarchat in die Limo zu pinkeln?
5) Ist es bahnbrechend subversiv, eine schlanke, dünne, normschöne Frau in hipper Kleidung als Beispiel für sexy Feminismus zu nehmen? Würde sie auf der Straße nicht so oder so als „hot“ gelten?
6) Ist es schon wieder so eine Feminismus-muss-sich-wieder-für-weiße-schlanke-ableisierte-Cisheten-lohnen-Aktion? Denn dass Feminismus sich für diese Personen lohnt, wissen wir schon längst, sie nehmen bereits sehr viel Raum ein.
7) Wurde feministisches Hot-Sein nicht schon allerspätestens in den 90ern reclaimt? #RiotGrrrl #GirlPower
8) Können wir bitte nicht versuchen, Feminismus „begehrenswert“ zu machen und alles unnötig zu sexualisieren?

Ich träume davon, dass nicht ständig irgendwelche failigen, vermeintlich feministischen Aktionen gestartet werden.

PS: Ja, ich verstehe den Wunsch dahinter, sich als Feminist_in empowern zu wollen. Aber warum brauchen jene Körper Empowerment, die ohnehin überall repräsentiert werden? Warum können nicht Hashtags wie #FeministSelfie weiter promoted werden?
Aber als eine dieser berüchtigten haarigen, dicken, lesbischen_typenhassenden, nicht-weißen, veganen Feministinnen, vor denen seit Jahrzehnten in den Medien gewarnt wird, habe ich es endlos satt, dass sich von „Menschen wie mir“ abgegrenzt werden muss. Permanent. „Aber schaut, ich bin nicht so eine haarige, männerhassende, lesbische (…) Feministin! Ich trage nämlich Hipstermode, schlafe mit Typen und esse Steak! Ja, ich rasier mich auch! Außer momentan unter den Armen, ist nämlich auch wieder hip!“ That’s all I’m saying, bye.

Childhood made of plastic, it’s fantastic

30 Jul

Gierig nahm ich als Kind alles in mich auf, was von Erwachsenen so erbost als Gift gelabelt wurde. Morgens schon mal Elmex statt Aronal, direkt im Anschluss Gummisüßigkeiten in schrillen Farben, nach der Schule in der Mikrowelle aufgewärmtes Essen, das ich mich hineinstopfte, während ich mit großen Augen auf den Bildschirm unseres Fernsehers starrte. Nachmittags RTL2, abends SuperRTL.

Statt schlauer Sachbücher las ich Comics über andere Mädchen mit Superkräften, ich wäre gern eine von ihnen, aber ich würde mich eh nicht trauen, so kurze Röcke zu tragen.

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Pink stinkt nicht, ihr Lauchs!

18 Jun

Wenige Phänomene sind so polarisierend wie Pinkstinks. Maximal die Frage, ob Käse Dessert sein darf, kann hier mithalten. Während letzteres eine Sache des Geschmacks ist, ist Pinkstinks für mich eine Frage der Logik. Es ist ja bei vielen Sachen so, dass sie auf dem ersten Blick so richtig geilomeilo und amazing sind, bei sich beim genaueren Nachdenken aber als superproblematisch und uncool erweisen.

Ich weiß immer gar nicht, wo ich anfangen soll, wenn ich erklären soll, dass Pinkstinks eher nicht so geilomeil ist. Vielleicht versuche ich es mal so:

You must be shitting me with that name of yours

Allein der Name ist so problematisch, dass ich mich frage, wie sich als Feminist_innen bezeichnende Menschen unter diesem Titel einen Kampf führen können. Es erschließt sich mir nicht. (Und ich bin nicht diejenige, die Gender Studies studiert hat.) Was impliziert der Name denn?
Der Name wertet Femininität ab und macht queere Kämpfe unsichtbar beziehungsweise stellt sie als irrelevant dar. Die Kampagne existiert in keinem sozialen Vakuum, sondern in einer Soziokultur, in der Pink_Rosa für Femininität, Frauen*, Homosexualität, Optimismus, Spaß, Kindlichkeit und Sexualität an sich steht. Der Slogan „Pink stinks!“ diskreditiert all dies. So funktioniert Semiotik. So funktioniert Sprache. Weiterlesen

Female to female – a long way to go

28 Mai

[Contentwarnung: Kackscheisze wie internalisierter Dickenhass und Misogynie werden in diesem Text thematisiert.]

Als ich 10 Jahre alt war, wusste ich, dass ich lieber ein Junge gewesen wäre. Ich wollte lieber ein Junge sein, weil ich kein Mädchen sein wollte. Nicht-binäre Genderidentitäten waren mir damals fremd, sie wurden weder in meinen Lieblingsserien repräsentiert, noch wurden sie in Jugendzeitschriften erwähnt.

Schon immer konnte ich mich mit tomboy-haften Figuren wie Spinelli aus Disney’s Große Pause oder Lor von den Wochenend-Kids identifizieren. Oder einfach gleich mit Jungen. Zumindest hatte ich das Gefühl, dass Eigenschaften wie Schlagfertigkeit, Coolness, Witz und Stärke androzentrisch waren_sind. Mit meinen schlabberigen Hosen – so schlabberig sie an meinem fetten Körper sein konnten -, weiten Shirts und Turnschuhen, mit meinem Pferdeschwanz und der Aversion gegen jedem Anzeichen von Femininität, wollte ich auch so krass wie Jungs sein können. Wie Avril Lavigne früher. (Bis ich meinen Faith in sie verlor.) Ich wollte one of the boys sein.

Internalisierte Misogynie ermunterte mich zum Tussi-Bashing, zu Girl Hate und dazu, von mir zu behaupten, „nicht wie die anderen Mädchen“ zu sein. In der 6. Klasse mussten wir uns im Musikunterricht zu Performance-Gruppen zusammenfügen. Nach ein paar Wochen Übung sollten wir einen Beitrag in einer der drei Genres Gesang, Tanz oder Rap vor der gesamten Klasse vorführen. Meine Wahl ließ sich leicht treffen: Meine Stimme klingt wie dieser Ton, der sich als letzter Schrei vor dem Überfahrenwerden einer Katze zuordnen lässt, meine Körperbewegungen glichen einer sich im Kreis drehenden Kartoffel (sowohl wie das Knollengemüse, als auch unkoordiniert tanzende Whities) und über meinem Bett ging ein Poster von Eminem. Endlich konnte die toughe Hiphop-Karriere starten, ich träumt schließlich nachts schon davon.

In unserer 6-Personen-Gruppe war ich das einzige Mädchen. Das war für mich gar nicht beklemmend, sondern bestätigend. Ich war literally one of the boys. Ich wurde auch so behandelt. Für meine Ideen im Songwriting-Prozess bekam ich viel Anerkennung, ich wurde nie in diese stereotypische „dein Platz als Mädchen im Hiphop ist in Unterwäsche und im Hintergrund“-Position gedrängt. Trotzdem war ich alles andere als Selbstbewusst. Unser Auftritt war ein einziger Alptraum für mich, ich nuschelte den auswendig gelernten Text mit gesenktem Blick und unbeholfen wackelnden Händen im Musikraum vor, die Reaktionen wollte ich gar nicht sehen, ich konzentrierte mich lieber auf den blau-grauen Teppichboden, der irgendwie nach Rosinen roch.

Mit 13 änderte sich mein Musikgeschmack, Hiphop und R’n’B hörte ich nur noch heimlich, offiziell war ich im Rock- und Punk-Business angekommen. Ich trug Skater-Hosen, ein hellblaues Nieten-Schweißband aus der Yam (das legte ich aber bald ab, ich hab gemerkt, dass es noch nicht so viel Street Credibility hat, Zeitschriften-Extras zu tragen) und Chucks. Meine Haare waren inzwischen kurz und ich wurde auf der Straße manchmal als Junge gelesen. Allerdings fühlte ich mich extrem unwohl, zumal die Kommentare, die ich zu hören bekam, stark auf meine Figur bezogen waren und auf meine mangelnde Attraktivität. Mir war klar, dass ich in meinem fetten Körper nur Maskulinität performen konnte, weil es die einzige Option war für all jene, die nicht sexualisiert werden wollten.

Das Thema Sexualität war eines für sich. Ich fand es widrig, ich wollte nicht als sexuell begehrtes Objekt gelesen werden, niemals. Wenn meine Mutter und meine Tanten darüber scherzten, dass auch ich mal Mann und Kinder haben würde, war ich nicht nur angeekelt, sondern sehr verletzt. Meine erste Menstruation war für mich vor allem Resignation. So nach dem Motto: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Ich wurde auf Diät gesetzt, verlor an Gewicht und gewann an essgestörtem Verhalten. Meine Depressionen und der Selbsthass wurden stärker, ich wollte aus diesem Körper raus. Für mich gab es zwei Möglichkeiten: Entweder Männlichsein oder Schlanksein. Das Gefühl, als Mädchen nicht fett sein zu dürfen, war so stark. Fette Jungen durften zumindest witzig, schlagfertig und cool sein.

Erst mit dem Zugang zu Indie- und Alternative-Rock sah ich zumindest toughe Frauen in Kleidern, zum Beispiel Meg White von den White Stripes. Nach und nach gestand ich mir ein bisschen Femininität zu, ich benutzte einen schwarzen Kajal-Stift, um durch Augen-Make-Up die Dunkelheit meiner ach so krassen Seele zu repräsentieren. Es half. Ich fühlte mich ein bisschen tougher.

Beim Filmeschauen wurde ich der Trope des Manic Pixie Dream Girls bekanntgemacht. Ich war zwar nicht so schlank wie sie, aber wenigstens durften die witzig sein und sich gut mit Musik auskennen. Schöne Blumenkleider hatten sie an, wollte ich ebenso, hab ich dann auch gemacht. Raus aus den engen Röhrenjeans mit Knopf und Reisverschluss, rein in Strumpfhosen und weiten Kleidern, das tat gut.

Mit 19 outete ich mich bei mir selbst. Ich merkte dann auch, dass meine Blumenkleider auf SchwuLesBi-Partys nicht so ankamen, zu oft wurde ich gefragt, ob ich nur meinen Gay Best Friend beim Weggehen begleite. Ich passte mich einigen Codes an, die Haare wurden kürzer, ich probierte es als Hipster-Butch. Ich will gar nicht sagen, dass es schlecht aussah, es war tatsächlich ziemlich schmuck, aber es war nicht ich. Durchgehende Androgynität – so authentisch es mit meinem Körper möglich war – erfüllte mich nicht komplett. Immerhin lernte ich durch Tumblr viel über die Vielfalt von Gender und das half mir sehr.

Und dann, vor so einem Jahr, kam die Offenbarung: Hard Femmes. Die gibt es. Ich bin eine. Ich kann superfeminin und gleichzeitig super-tough sein! Femininität anzunehmen war für mich ein sehr langer Prozess, es war eine Art Transition. Eine Subversion von Weiblichkeit, die bewusste Wahl ihrer und die Herausforderung sowie der Buch von damit verbundenen Klischees wie Als-Hete-Gelesen-Werden sind meine tägliche Challenge, aber mit dem passenden Lippenstift pack ich das. Ich habe gelernt, dass ich fett, feminin, queer, tough, cool, radikal, stark und schön sein kann, und zwar alles gleichzeitig. Dabei muss ich mich gar nicht als Frau labeln, Genderperformance und -identität ist ein DIY-Produkt und ich bastele gern.

Einfach nicht trinken, einfach nicht knutschen

15 Apr

Bis ich 20 war, lebte ich straight edge. Für mich bedeutete es der Verzicht auf Alkohol, Nikotin und andere Drogen sowie romantische_sexuelle Exklusivität und Vegatarismus_zeitweise Veganismus. Wichtig für mich war es jedoch zu betonen, dass all dies nicht aufgrund meines früheren muslimischen Backgrounds_meiner muslimischen Familie sondern aus eigener Entscheidung stattgefunden hat, weil ich es satt hatte, als bevormundetes Middle Eastern Girl zu gelten.

Die Gründe für meine Enthaltsamkeit waren für mich sehr logisch. Einerseits empfand ich den exzessiven Konsum von Drogen, Fleisch und Sex als destruktiv, andererseits auch als ein Produkt der kapitalistisch-patriachalen Gesellschaft. Missstände wurden durch als entspannend empfundene Praktiken wie dem Rauchen schwächer wahrgenommen und waren eher ertragen. Für mich waren diese Dinge mit Rape Culture, einer Leistungsgesellschaft und einem Marionettenstaat verknüpft, da die Wut selbst in aktivistischen Zusammenhängen eher zum Partymotto als zu tatsächlicher Veränderung wurde.
Zusätzlich hatte ich ein schwieriges Verhältnis zu meinem Körper, in dem der Gedanke an Kontrollverlust mich eher verängstigte als mich zu reizen. Betrunkene, aggressive Macker auf Partys, von Bier mobilisierte Fußball-Fans (nicht nur während der WM_EM) und Angehörige_Bekannte mit Alkohol_Drogenproblemen machten es mir nicht appetitlicher.

Weshalb ich nicht auf all das verzichtete, war das Hineinpassen in die patriarchale Vorstellung eines reinen_unschuldigen Mädchens. Meine Verweigerung der Betrunkenheit war keine Ausführen des „Lass dich nicht v*rg*w*lt*g*n!“-Appells, denn mein Interesse an Sexualität war ohnehin nicht stark_vorhanden. Ob nüchtern oder betrunken, ich würde mich von angrabenden Typen sehr unwohl fühlen.

Obwohl ich diese – auch im Nachhinein für mich sehr schlüssigen – Gründe mehrfach auf die Frage zu meiner Entscheidung erwiderte, stellte ich zu oft fest, dass bis auf den Vegetarismus_Veganismus meine Motivation auf eine religiöse Ebene gesetzt wurde, die für mich überhaupt nicht relevant war. Es mag zwar sein, dass ich Zuhause nicht die Möglichkeiten hatte, betrunken oder mit One-Night-Stands im Schlepptau heimzukommen, aber es grenzte meine Entscheidungen nicht ein. Ich verspürte damals schlicht keinen Drang danach.

Während meines Studiums gab ich nach und fing an, Einiges nachzuholen, weil mir das Gefühl gegeben wurde, Dinge verpasst zu haben und deshalb auf einer emotionalen Ebene nachzuhinken, was natürlich Unsinn war. Ich leistete gegen die Alkohol- und Sexualisierungsnorm keinen Widerstand mehr, weder auf Partys, noch sonst so. Ich tue mir allerdings schwer dabei, es insgesamt als befreiend zu bezeichnen, da sich mit den Jahren Vieles für mich geändert hat, so wie es beim Älterwerden eben ist. Self-Love und Body-Positivity, das Ablegen vieler internalisierten Mechanismen wie der Illusion einer disziplinierten_selbstkontrollierten Frau* und Monogamie als Praktik der Reinheit (Reinheit auch hinsichtlich negativer Energien, die von Typen ausgestrahlt wird) sowie die neuen Wohnsituationen (nicht mehr bei den Eltern, eigenes Zimmer, nicht mehr in der Kleinstadt, bessere Anbindungen öffentlicher Verkehrsmittel) baten neue Voraussetzungen an.

Ich fühlte mich befreiter, aber das ist nicht der Polyamory oder dem Alkohol_Drogenkonsum geschuldet, dazu gehört viel mehr Arbeit und Auseinandersetzung mich sich selbst. Ich beobachte nun aber auch Dinge, die ich damals schon für kritikwürdig hielt, aus einer neuen Perspektive.

Jedes gesellschaftliche Zusammenkommen wird als Anlass für Alkoholkonsum gesehen, egal ob alle Anwesenden tatsächlich Lust auf Bier haben oder nicht. Biertrinken als soziale Praxis und als Norm fürs gelungene Abhängen findet nicht nur samstags auf Partys oder in der Kneipe, sondern auch unter der Woche beim Plenum, im Park oder Zuhause statt. Ich will hier niemenschen absprechen, dass es Spaß macht, Alkohol zu konsumieren und dass das Betrunkensein kein schönes Gefühl sei – ich habe es auch oft als super empfunden. Dennoch ist oft eine gewisse Erwartungshaltung da.
Es fällt mir bloß auf, dass seit einigen Wochen in meinem Umkreis vermehrt darauf hingewiesen wird, reflektierter mit Alkohol umzugehen. Drogenfreie Räume als Safer Spaces werden geschaffen, für mich ist es überhaupt revolutionär, dass die Benennung einer Alkoholnorm stattfindet.

Die Sensibiliserung setzt sich auch hinsichtlich der sexualisierten Stimmung auf Partys fort. Zu einer guten Party scheint es dazugehören, zumindest ein bisschen zu Knutschen oder zu Flirten. Auch das kann viel Spaß machen, wenn es mit Konsens stattfindet. Trotzdem werden Normen wie die romantische_sexuelle Zweisamkeit und die sexuelle Offenheit auf Festen reproduziert. Es ist schon okay, nicht zu knutschen, aber es ist schon ein bisschen komisch, wenn du nur tanzen oder in der Ecke sitzen möchtest. Dieser gewisse Punkt, an dem 98% der Feiernden in Knutschszenarien verwickelt sind, wird auf vielen Partys erreicht, ich erlebte ihn sowohl aus der Seite der 98% – irgendwie sehr Kontrollverlust auf eine positive Art, aber auch sehr befremdlich_unangenehm, ein Teil dieser Masse zu sein – als auch (und zwar viel öfter) aus der 2%-Perspektive – ausgrenzend, unangenehm, „Irgendwas stimmt mit dir nicht und du kannst jetzt auch mit niemenschem tanzen, weil alle, die du kennst, beschäftigt sind“.

Ich nehme wahr, dass in meinem Umfeld Menschen beginnen, mit diesen beiden Normen zu brechen und ich finde es sehr schön. Gleichzeitig denke ich darüber nach, wer einfach so mit diesen Normen brechen kann und wer nicht. Wessen Enthaltsamkeit ist (positiv) politisch zu verstehen und wessen wird Tabuisiert_als Unterdrückung fremdbezeichnet?
Während das Straight-Edge-Sein an einigen als edgy Merkmal gefeiert wird, können andere ihre Nüchternheit nicht ohne unangebrachte Rückfragen offen zeigen. Wenn es nicht gerade von Außen auf eine ganz rassistisch auf eine religiöse_kulturelle Ebene gehoben wird, kann es auch schön stigmatisierend stattfinden. Wer nicht trinkt, hat bestimmt mal ein Alkoholproblem gehabt oder ist auf Psychopharmaka und kommt in die „BLOSS NICHT DRAUF ANSPRECHEN ABER UPS JETZT HAB ICH’S DOCH GEMACHT HEHEHEHE AWKWARRRRD“-Schublade. Davon abgesehen, dass es Menschen nichts angeht, weshalb eins Drogen nimmt oder nicht, macht das Reproduzieren der Alkoholnorm die Sache nicht angenehmer.

Als ich anfing, Medikamente zu nehmen und es mir ohnehin nicht gut ging, verzichtete ich ein paar Monate lang auf Alkohol. Ob denn Wodka in meiner Club Mate sei, wurde ich gefragt. Ob ich’s nicht langweilig auf der Party finde, wenn alle zu sechs auf der Toilette weißes Pulver schniefen und ich so ganz „come as you are“-mäßig ankomme. Ich hatte keine Lust, fremde Menschen über meine psychische Gesundheit aufzuklären. Ich fragte mich vielmehr, ob es nicht pathetisch ist, dass für sie keine einzige Party nüchtern auszuhalten zu sein scheint. Ich schluckte die Frage.

Was das Knutschen anbelangt, so werden queere Partys für einige auch zu den einzigen Räumen, in dem öffentliches Ausleben der Sexualität sicher möglich ist. Es spielt gar nicht immer eine Rolle, mit wem eins knutscht, sondern wie der eigene Körper aussieht, wenn es um Safer Spaces geht. Manche Körper sind ohnehin schon übersexualisiert oder desexualisiert, sodass nicht alle Räume die nötige Sicherheit geben können. Wer könnte auf der Straße die Person beim Händchenhalten sehen, inwiefern könnte es Probleme für die Person bereiten, wie hoch ist die Gefahr, während_aufgrund der Performance zum Opfer von Street Harassment zu werden?
Auf überwiegend heterosexuellen_weißen Partys wiederum sind vielleicht genau diese 2% von Unterdrückung betroffen. Oder sie knutschen doch.

Es wäre zu leicht, diese Normen mit „einfach nicht mehr trinken“ und „einfach nicht mehr knutschen“ als gebrochen zu verstehen. Ich weiß selbst nicht, ob ich auf diese Dinge endgültig und ausnahmslos verzichten möchte. Mir würde es schon reichen, wenn ich sie dann praktizieren könnte, wenn ich wirklich möchte, und nicht, weil es von mir erwartet wird_weil es „zu einem guten Abend dazugehört“.

Not your body, not your business

20 Mrz

Die Wärme kündigt sich dieses Jahr so früh an, dass am heutigen Frühlingsanfang die Sonne bei 20°C über Wien scheint. Es ist Zeit, die Sonnenbrillen raus- und die dicken Wintersachen wegzupacken. Für mich war es eine schöne Gelegenheit, den eisblauen Einteiler, den ich neulich auf dem Flohmarkt erstanden habe, anzuziehen. Es ist eines meiner wenigen Kleidungsstücke, die einen tiefen Rückenausschnitt haben und in denen ich mein Tattoo auf dem Schulterblatt sichtbar Spazieren tragen kann.

Was mich ein bisschen verunsichert, ist, dass der Ausschnitt auch vorne nicht sehr eng ist und meine Brüste betont werden. Generell betont der Onezie jeden Zentimeter meines Körpers. Aber er ist schön. Und ich hab es satt, mir als dicke Frau anhören zu müssen, dass ich mein Fett kaschieren soll.

In der Stadt merkte ich, wie schnell jegliche Konventionen der Höflichkeit bei Menschen gebrochen werden, wenn es um Kackscheisze geht. Unangenehme Blicke verschiedener Art – seien es eklig-anzügliche oder abschätzig-degradierende – blieben an mir hängen. Hätte ich eine Stempelkarte für negative Aufmerksamkeit mit einem Stempel pro Blick gehabt, hätte ich sie heute vollbekommen und mir eine Gratis-Kugel Eis holen können. Hätte!

Personen gingen so weit, dass sie „unauffällig“ Fotos mit dem Handy machten (sie brauchen gar nicht so zu tun, als würden sie versuchen, den Boden oder das Nichts im Hintergrund ablichten zu wollen). Ein Typ flüsterte mir im Vorbeigehen irgendwas Nicht-Identifizierbares, aber definitiv Gruseliges zu. Mir wurde das Gefühl gegeben, mein Körper sei obszön, einerseits, weil er dick ist, andererseits, weil ich einen tiefen Ausschnitt hatte. An solchen Tagen steigt meine Aversion um drei Level.

Smash the norm

18 Mrz

[TW: Essstörungen]

Vor knapp einem Jahr erzählte ich schon mal ausführlich über Body-Image-Issues, die ich jahrelang hatte (TW: Essstörung, normreproduzierende Begriffe, Gewichtszahlen).

Obwohl auf meiner Twitter-Timeline die Parole „Riots not diets!“ gerade kritisiert wird – mit Recht -, ist diese einer meiner liebsten unter allen bekannten feministischen Catchphrases. Zum ersten Mal nahm ich diesen Satz bewusst war, als ich im September 2012 auf der enter_the_gap-Demo in Hamburg war. Auf Redebeiträgen und Flyern hatte ich schon viel Input über Bodyismus bekommen, der Höhepunkt war aber richtig fabulös.

Mit zwei Freundinnen lief ich im Demozug durch das wunderschöne Gängeviertel, die Sonne machte den Tag richtig angenehm und es war sowieso eine meiner ersten queer_feministischen Aktionen außerhalb des Netzes. Auf dem Dach eines Gebäudes ließen Menschen mit Pussy-Riot-Kopfbedeckung Konfetti herunter und sprachen ihre Solidarität mit den unterschiedlichen Blocks aus. Die Diversität war schließlich groß, auf Flyern wurden Schwerpunkte wie Sexwork, anti-rassistischer Feminismus, Trans*, Nicht-Binärität, Intersex und Essstörungen thematisiert, die Mühe um eine möglichst hohe Inklusion war groß.

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Aus einem Fenster wehte dieses Transparent mit der Aufschrift riots not diets – smash the norm, es war mal wieder so ein Zeitpunkt in meinem Leben, an dem ich meinen Körper gewaltvoll der Norm anpassen wollte, und dieser Augenblick war für mich extrem empowernd. Zum ersten Mal hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich die Kraft, die ich ins Dieting investierte, auch einfach für den Ausdruck meiner [politischen] Wut verwenden könnte. Oder für andere Dinge, die mir gut tun. Durch Kleidergröße 36 würde ich dem System alles andere als den Mittelfinger zeigen, dabei war mir doch genau danach. Dieser Moment machte mir Mut, die Norm als schmerzhaft und unterdrückend zu erkennen und ihr nicht mehr entsprechen zu wollen. Mut für Subversion. Mut für: Mein Körper ist fett, ich habe keine Lust mehr, mich klein und unsichtbar zu machen, gewöhnt euch einfach an meine Speckrollen, ich schulde euch keinen flachen Bauch! Und Mut für: Ja, ich werde jetzt noch einen zweiten Teller vom Büffet nehmen, ich bin nämlich immer noch hungrig und es schmeckt köstlich und ich habe kein Problem damit, gefräßig rüberzukommen. Zumindest mehr Mut als ich je gehabt habe.

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