Tag Archives: femmeinismus

Pink stinkt nicht, ihr Lauchs!

18 Jun

Wenige Phänomene sind so polarisierend wie Pinkstinks. Maximal die Frage, ob Käse Dessert sein darf, kann hier mithalten. Während letzteres eine Sache des Geschmacks ist, ist Pinkstinks für mich eine Frage der Logik. Es ist ja bei vielen Sachen so, dass sie auf dem ersten Blick so richtig geilomeilo und amazing sind, bei sich beim genaueren Nachdenken aber als superproblematisch und uncool erweisen.

Ich weiß immer gar nicht, wo ich anfangen soll, wenn ich erklären soll, dass Pinkstinks eher nicht so geilomeil ist. Vielleicht versuche ich es mal so:

You must be shitting me with that name of yours

Allein der Name ist so problematisch, dass ich mich frage, wie sich als Feminist_innen bezeichnende Menschen unter diesem Titel einen Kampf führen können. Es erschließt sich mir nicht. (Und ich bin nicht diejenige, die Gender Studies studiert hat.) Was impliziert der Name denn?
Der Name wertet Femininität ab und macht queere Kämpfe unsichtbar beziehungsweise stellt sie als irrelevant dar. Die Kampagne existiert in keinem sozialen Vakuum, sondern in einer Soziokultur, in der Pink_Rosa für Femininität, Frauen*, Homosexualität, Optimismus, Spaß, Kindlichkeit und Sexualität an sich steht. Der Slogan „Pink stinks!“ diskreditiert all dies. So funktioniert Semiotik. So funktioniert Sprache. Weiterlesen

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Female to female – a long way to go

28 Mai

[Contentwarnung: Kackscheisze wie internalisierter Dickenhass und Misogynie werden in diesem Text thematisiert.]

Als ich 10 Jahre alt war, wusste ich, dass ich lieber ein Junge gewesen wäre. Ich wollte lieber ein Junge sein, weil ich kein Mädchen sein wollte. Nicht-binäre Genderidentitäten waren mir damals fremd, sie wurden weder in meinen Lieblingsserien repräsentiert, noch wurden sie in Jugendzeitschriften erwähnt.

Schon immer konnte ich mich mit tomboy-haften Figuren wie Spinelli aus Disney’s Große Pause oder Lor von den Wochenend-Kids identifizieren. Oder einfach gleich mit Jungen. Zumindest hatte ich das Gefühl, dass Eigenschaften wie Schlagfertigkeit, Coolness, Witz und Stärke androzentrisch waren_sind. Mit meinen schlabberigen Hosen – so schlabberig sie an meinem fetten Körper sein konnten -, weiten Shirts und Turnschuhen, mit meinem Pferdeschwanz und der Aversion gegen jedem Anzeichen von Femininität, wollte ich auch so krass wie Jungs sein können. Wie Avril Lavigne früher. (Bis ich meinen Faith in sie verlor.) Ich wollte one of the boys sein.

Internalisierte Misogynie ermunterte mich zum Tussi-Bashing, zu Girl Hate und dazu, von mir zu behaupten, „nicht wie die anderen Mädchen“ zu sein. In der 6. Klasse mussten wir uns im Musikunterricht zu Performance-Gruppen zusammenfügen. Nach ein paar Wochen Übung sollten wir einen Beitrag in einer der drei Genres Gesang, Tanz oder Rap vor der gesamten Klasse vorführen. Meine Wahl ließ sich leicht treffen: Meine Stimme klingt wie dieser Ton, der sich als letzter Schrei vor dem Überfahrenwerden einer Katze zuordnen lässt, meine Körperbewegungen glichen einer sich im Kreis drehenden Kartoffel (sowohl wie das Knollengemüse, als auch unkoordiniert tanzende Whities) und über meinem Bett ging ein Poster von Eminem. Endlich konnte die toughe Hiphop-Karriere starten, ich träumt schließlich nachts schon davon.

In unserer 6-Personen-Gruppe war ich das einzige Mädchen. Das war für mich gar nicht beklemmend, sondern bestätigend. Ich war literally one of the boys. Ich wurde auch so behandelt. Für meine Ideen im Songwriting-Prozess bekam ich viel Anerkennung, ich wurde nie in diese stereotypische „dein Platz als Mädchen im Hiphop ist in Unterwäsche und im Hintergrund“-Position gedrängt. Trotzdem war ich alles andere als Selbstbewusst. Unser Auftritt war ein einziger Alptraum für mich, ich nuschelte den auswendig gelernten Text mit gesenktem Blick und unbeholfen wackelnden Händen im Musikraum vor, die Reaktionen wollte ich gar nicht sehen, ich konzentrierte mich lieber auf den blau-grauen Teppichboden, der irgendwie nach Rosinen roch.

Mit 13 änderte sich mein Musikgeschmack, Hiphop und R’n’B hörte ich nur noch heimlich, offiziell war ich im Rock- und Punk-Business angekommen. Ich trug Skater-Hosen, ein hellblaues Nieten-Schweißband aus der Yam (das legte ich aber bald ab, ich hab gemerkt, dass es noch nicht so viel Street Credibility hat, Zeitschriften-Extras zu tragen) und Chucks. Meine Haare waren inzwischen kurz und ich wurde auf der Straße manchmal als Junge gelesen. Allerdings fühlte ich mich extrem unwohl, zumal die Kommentare, die ich zu hören bekam, stark auf meine Figur bezogen waren und auf meine mangelnde Attraktivität. Mir war klar, dass ich in meinem fetten Körper nur Maskulinität performen konnte, weil es die einzige Option war für all jene, die nicht sexualisiert werden wollten.

Das Thema Sexualität war eines für sich. Ich fand es widrig, ich wollte nicht als sexuell begehrtes Objekt gelesen werden, niemals. Wenn meine Mutter und meine Tanten darüber scherzten, dass auch ich mal Mann und Kinder haben würde, war ich nicht nur angeekelt, sondern sehr verletzt. Meine erste Menstruation war für mich vor allem Resignation. So nach dem Motto: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Ich wurde auf Diät gesetzt, verlor an Gewicht und gewann an essgestörtem Verhalten. Meine Depressionen und der Selbsthass wurden stärker, ich wollte aus diesem Körper raus. Für mich gab es zwei Möglichkeiten: Entweder Männlichsein oder Schlanksein. Das Gefühl, als Mädchen nicht fett sein zu dürfen, war so stark. Fette Jungen durften zumindest witzig, schlagfertig und cool sein.

Erst mit dem Zugang zu Indie- und Alternative-Rock sah ich zumindest toughe Frauen in Kleidern, zum Beispiel Meg White von den White Stripes. Nach und nach gestand ich mir ein bisschen Femininität zu, ich benutzte einen schwarzen Kajal-Stift, um durch Augen-Make-Up die Dunkelheit meiner ach so krassen Seele zu repräsentieren. Es half. Ich fühlte mich ein bisschen tougher.

Beim Filmeschauen wurde ich der Trope des Manic Pixie Dream Girls bekanntgemacht. Ich war zwar nicht so schlank wie sie, aber wenigstens durften die witzig sein und sich gut mit Musik auskennen. Schöne Blumenkleider hatten sie an, wollte ich ebenso, hab ich dann auch gemacht. Raus aus den engen Röhrenjeans mit Knopf und Reisverschluss, rein in Strumpfhosen und weiten Kleidern, das tat gut.

Mit 19 outete ich mich bei mir selbst. Ich merkte dann auch, dass meine Blumenkleider auf SchwuLesBi-Partys nicht so ankamen, zu oft wurde ich gefragt, ob ich nur meinen Gay Best Friend beim Weggehen begleite. Ich passte mich einigen Codes an, die Haare wurden kürzer, ich probierte es als Hipster-Butch. Ich will gar nicht sagen, dass es schlecht aussah, es war tatsächlich ziemlich schmuck, aber es war nicht ich. Durchgehende Androgynität – so authentisch es mit meinem Körper möglich war – erfüllte mich nicht komplett. Immerhin lernte ich durch Tumblr viel über die Vielfalt von Gender und das half mir sehr.

Und dann, vor so einem Jahr, kam die Offenbarung: Hard Femmes. Die gibt es. Ich bin eine. Ich kann superfeminin und gleichzeitig super-tough sein! Femininität anzunehmen war für mich ein sehr langer Prozess, es war eine Art Transition. Eine Subversion von Weiblichkeit, die bewusste Wahl ihrer und die Herausforderung sowie der Buch von damit verbundenen Klischees wie Als-Hete-Gelesen-Werden sind meine tägliche Challenge, aber mit dem passenden Lippenstift pack ich das. Ich habe gelernt, dass ich fett, feminin, queer, tough, cool, radikal, stark und schön sein kann, und zwar alles gleichzeitig. Dabei muss ich mich gar nicht als Frau labeln, Genderperformance und -identität ist ein DIY-Produkt und ich bastele gern.